Sie gehört zu den härteren Nüssen der Konzertprogrammierung: die Frage, womit man Brahms' Deutsches Requiem kombinieren soll. Soll man überhaupt? Oder steht dieses Werk mit seiner überwältigenden Aussage(-Kraft) nicht besser für sich allein? Braucht es unbedingt ein Bei-Werk, damit das Publikum brutto auf seine zwei Stunden Konzert kommt?
Franz Welser-Möst hat das Problem mit seinem Cleveland Orchestra auf eine spannende, das Publikum fordernde Weise gelöst: mit Jörg Widmanns „Chor für Orchester“ (2004). Der 1973 geborene Komponist ist handwerklich so versiert, das Versprechen dieses originellen Titels auch einlösen zu können – so gut ein Orchester eben Chor „spielen“ kann.
Das Werk ist ein meist ruhig fließendes Geflecht, dessen Ereignis in einer elektrisierenden Balance zwischen Kollektiv und individueller Stimmführung liegt. Rasiermesserscharf werden manchmal kleine Sekunden gegeneinander gehalten, die vom Abstand her kleinste, fürs Ohr so große Abweichung. Als Trumpf erwies sich die legendäre Präzision des Orchesters – für die Verständlichkeit eines solchen Stückes das Um und Auf.
Erlösung auf allen Ebenen
Erlösung – das ist die Essenz von Brahms Deutschem Requiem, der vielleicht optimistischsten Komposition der Gattung. Wie eine klangliche Erlösung wirkte nach dem aufwühlenden Widmann auch die besänftigende Wärme der eröffnenden Brahms-Takte, eine Wärme, die der erste Chor-Einsatz ins Überirdische wandelte. Brahms misst dem Chor die Hauptrolle zu, und der von Johannes Prinz gehegte Wiener Singverein präsentierte sich in überragender Form als Spender vokaler Glücksmomente. Möst verwob diesen Stimmenteppich mit den Fäden seines Orchesters und den exquisiten Soli von Simon Keenlyside und Malin Hartelius zu einem bezwingend-organischen Ganzen, das auch in den heftigsten Ausbrüchen leichtfüßig wirkte, ohne dabei leichtgewichtig zu sein. Schöner kann man das kaum musizieren. hd
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)

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