Wiener Staatsoper

Bei diesem "Parsifal" gingen die Wogen hoch

Kritik Semyon Bychkov führte Sänger und Orchester bei dieser Staatsopern-Premiere aufs sicherste über Wagners Pfade „der Irrnis und der Leiden“. Dass Regisseur Alvis Hermanis das Geschehen in die Psychiatrie verlegte, sorgte für Buh-Rufe.

Alvis Hermanis verlegt de Grals-Suche in die Steinhof-Gründe.
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Alvis Hermanis verlegt de Grals-Suche in die Steinhof-Gründe.
Alvis Hermanis verlegt de Grals-Suche in die Steinhof-Gründe. – (c) Staatsoper/Michael Poehn

Die Wogen gingen hoch. Am Ende gab es eine Publikumsschlacht zwischen Gegnern und Befürwortern, wie das bei einer Neuinszenierung von Richard Wagners philosophisch verrätseltem Spätwerk wohl unvermeidlich ist. Doch regte sich auch Widerspruch gegen den Dirigenten. Selbst das hat aber bei „Parsifal“ in Wien (schlechte) Tradition. Wer sie erlebt hat, wird die wütenden Auseinandersetzungen um Horst Stein während und nach der „Parsifal“-Premiere von 1979 nicht vergessen haben . . .

Wobei die musikalische Gestalt der jüngsten Auseinandersetzung mit dem  Bühnenweihfestspiel der Wiener Oper zur Ehre gereicht. Eine „Parsifal“-Besetzung dieser Qualität wird man weltweit nicht leicht finden. Und der mehrheitlich doch bejubelte Semyon Bychkov führte Sänger und Orchester aufs sicherste über Wagners Pfade „der Irrnis und der Leiden“.

Bychkovs feine Klangmalerei

Das Werk wird unter seiner Stabführung zu einem großen Adagio in drei Teilen. Bychkov nimmt sich Zeit, er realisiert, was Herbert von Karajan einst gefordert hat und was selten in solcher Konsequenz zu erleben ist: Die Taktstriche scheinen für einige Stunden abgeschafft. Die Musik fließt, verfließt. Bychkov spielt auf dem philharmonischen Instrument oder vielmehr: Rr spielt auf der Wagner-Kompetenz des Wiener Orchesters, er nutzt den Reichtum, den die Musiker anzubieten haben, um wie ein bildender Künstler auf einer Riesenpalette Farben anzumischen.

Klangfarbe ist im "Parsifal" vielleicht Wagners wichtigstes Ausdrucksmittel, zaubert Stimmungen, Seelenbilder, sorgt für eine fortwährende Verwandlung. Denn kaum eine der Instrumentations-Nuancen wiederholt sich. Die musikalische Erzählung ist in stetem Fluss, selbst Erinnerungen an Gewesenes erscheinen stets in neuem Licht. Auch die exzellent realisierten Chorpassagen – in vielfacher Mischung mit Stimmen aus der Ferne, vielfach geteilten Solostimmen (Blumenmädchen, Knappen) und einem diesmal besonders beeindruckenden Glockengeläute – haben ihren Anteil an dieser fein verästelten Klangmalerei. Das konsequent herausgearbeitet zu haben, sichert Bychkovs „Parsifal“-Deutung, dem ruhigen Grundpuls zum Trotz, durchwegs Spannung.

Eine Spannung, die von den Sängern durch prägnante Artikulation und differenzierte Vokalleistungen in genuine Musikdramatik umgemünzt wird. Hier schöpft die fast durchwegs von Debütanten getragene Wiener Produktion aus dem Vollen.

Nobel-Einspringer René Pape

Gerald Finley ist der neue Amfortas, für viele vermutlich die größte Überraschung des Premierenabends. Die Intensität seines Singens verwandelt körperliche und seelische Qualen des Gralskönigs ebenso in Klang wie die ekstatischen Beschwörungen einstiger „unbefleckter“ Heilserfahrungen. Da wird Finley geradezu zum Belcantisten.

Als Nobel-Einspringer für den erkrankten Hans-Peter König gab René Pape den Gurnemanz – vom Publikum lauthals bedankt für seine nicht minder weit gefächerte Gestaltungskunst: Dieser alte Ritter ohne Furcht und Tadel hat, man hört es, ein weites Herz, kann seine oft gewaltig anschwellenden Bass-Register in geheimnisvolle Flüsterregionen zurücknehmen. Wer je die Erzählungen des Gurnemanz als langatmig empfunden haben mag, versteht mit einem Mal, was es heißt, wenn er verkündigt: „zum Raum wird hier die Zeit“. Hier verfliegen die Viertelstunden . . .

Nina Stemme setzt alle Leuchtkraft ein

Mit Spannung erwartet wurde das Debüt der führenden Hochdramatischen unserer Zeit in der vielschichtigen Partie der Kundry: Nina Stemme setzt alle Leuchtkraft ein, alle Expressivität, derer sie fähig ist. Und sie vollbringt das Wunder, sogar die gefürchteten letzten zehn Minuten des zweiten Aufzugs ohne Blessuren bis zum bitteren Ende zu steigern. Die Verwandlung der sirenenhaft werbenden „heiligen Hure“ in eine entfesselte Hasspredigerin vermag sie bis zur Fortissimo-Neige auszukosten. Das hat in der jüngeren Aufführungsgeschichte des „Parsifal“ (nicht nur in Wien) kein Vorbild.

Christopher Ventris, als einziger aus früheren Aufführungen vertraut, geht dem „unseligen Weib“ dennoch nicht ins Netz. Er kann bestehen, denn die jugendlich-naive Attitüde dieses Parsifals wendet sich im entscheidenden Moment der Erkenntnis in beeindruckende heldentenorale Schlagkraft.  Die „Welthellsichtigkeit“ derer dieser „reine Tor“ plötzlich teilhaftig wird, spiegelt sich auch in seinem Spiel. Die Stärke der Neuinszenierung durch Alvis Hermanis ist gewiss die Tatsache, dass Wagners Regieanweisungen in puncto Personenführung über weite Strecken ziemlich genau umgesetzt werden.In der Psychiatrie

Wie die gerade nicht Singenden auf Worte, auf Phrasen reagieren, wie Blicke – etwa im Ausklang des ersten Aufzugs zwischen Amfortas und Parsifal – gewechselt werden, wie Gurnemanz am Karfreitagsmorgen den verlorenen Sohn wiedererkennt; das sind starke Bilder zu den tief lotenden Klängen der Musik.

Hermanis verkehrt die Dinge

Auch dass der beißend-böse, ungemein prägnante Klingsor des Jochen Schmeckenbecher im ersten Aufzug schon verstohlen hereinschleicht, um die Kundry zu holen, gehört zu den klugen Pointen der Produktion, die freilich das Geschehen in die wienerischen Steinhofgründe verpflanzt, das Grals-Drama also als Angelegenheit für die Psychiatrie zu betrachten scheint.

Das freilich könnte man, da die Geschichte im Übrigen nachvollziehbar gemacht wird, wie sie im Büchel steht, als Aperçu werten, würde Hermanis zuletzt nicht die Dinge verkehren. Er lässt den erlösten Amfortas sterben, während Kundry den Gral enthüllt, die unerlöste Gemeinde dann aber durch die Hintertür verlässt.

Der Gral ist ein riesiges Gehirn

Man folgt ihr in Gedanken, ist doch der Gral in diesem Fall ein riesiges Gehirn – und eine Gesellschaft, die in diesem einem Kult der absoluten Machbarkeit huldigt, ist verloren, selbst wenn sie aus jenen von Klimt und Altenberg angeführten Geistesgrößen des „Wien um 1900“ bestünde, die sich hier unter der Kuppel der Steinhof-Kirche versammelt. Dass die Kräfte des Bösen auf der Couch Sigmund Freuds wirken, ist immerhin ein gutes Signal – auch anno 2017. In Zeiten der schon von Hölderlin konstatierten Gottesfinsternis hilft uns die totale Rationalisierung ja nicht weiter, führt uns weniger in die Tiefe als in die Irre.

Wagners „Parsifal“ könnte das Menetekel unserer verlorenen Spiritualität sein. Das wäre ja schon einmal ein Anfang für eine Generation, die mit der Anflutung ungeahnter Herausforderungen konfrontiert ist. Die Willigen unter den Zuschauern dürfen bei der Neuproduktion darüber nachdenken; bei luxuriös schöner Musik – und dank Otto Wagner in ästhetischen Dekors . . .

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