Konzerthaus: Die Kraft der Andeutung

Jubel für Rafał Blechacz: Mit Chopins 2. Klavierkonzert lieferte er den Höhepunkt eines Abends mit dem RSO Wien.

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Rafał Blechacz. – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Virtuosengesten sind Rafał Blechacz fremd. Stimmt schon, bei der zweiten Zugabe, dem quecksilbrigen Scherzo aus Beethovens Sonate op. 2/2, nutzte er die Schlusspointe, also den Schwung des letzten Tons, bereits zum Aufstehen vom Klavier: Dass er mit Anfang dreißig schon genauso abgeklärt ist wie Artur Rubinstein, das kann ja niemand von ihm erwarten. Aber er ist auf dem Weg dahin, dieser mit ernster Miene in die Musik versunkene, trotz seiner jungen Jahre bereits als Grandseigneur auftretende Pole, der 2005 den Warschauer Chopin-Wettbewerb sensationell in allen Kategorien gewonnen hat. Den pianistischen Belcanto in Chopins f-Moll-Klavierkonzert erfüllt er mit einem Ton von ebenmäßigem Perlmuttschimmer, deutet dabei stets mehr an, als er ausspricht, wahrt in jedem Moment die Contenance: In der Gesamtheit der wohlgeformten Kantilenen liegt der Ausdruck, nicht in einzelnen, auf die Spitze getriebenen Details. Die Dialoge mit dem Fagott gelingen da poetisch, aber ohne Aufgeblasenheit, das Larghetto zumal erfüllt der Zauber der Sehnsucht.

Auch das erste Encore rundete diesen Eindruck ab: Nirgends zerdehnte Blechacz den cis-Moll-Walzer op. 64/2 oder trieb ihn bei den Sechzehntelläufen zu schierer Brillanz an, sondern entfaltete dessen Wehmut innerhalb geschmackvoll nuancierter Agogik. Cornelius Meister animierte das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien vor allem in den zurückgenommenen Abschnitten zu anschmiegsamer Sorgfalt, während die Tuttipassagen, ein altes Problem bei Chopin, doch recht kompakt blieben.

 

Etwas zerspragelt: „écru“

Als moderner polnischer Kontrapunkt war eingangs „écru“ des 1977 geborenen Jakub Sarwas zu hören – ein in Wellen verlaufendes, insgesamt jedoch etwas zersprageltes Stück. Einzelne Abschnitte besitzen durchaus Profil, etwa eine dunkle Passage mit einem Cellosolo, das nach kleinem Orchesteraufruhr in Seufzergesten ausfranst, die wiederum die Solovioline aufgreift. Aber im Ganzen schien das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis nicht recht im Lot, obwohl das RSO seinen Dienst mit gewohntem Engagement leistete.

Nach der hübsch, aber etwas bieder musizierten „Merkur“-Symphonie Joseph Haydns gehörte das Finale Franz Liszt, einst am Klavier mit wehender Mähne und donnernder Kraft der Antipode des zarten, introvertierten Chopin. Liszts erster „Mephistowalzer“ wirkte durch Meisters forsches Tempo und deshalb etwas leichtgewichtigen Zugriff allerdings wie die Ballettmusik einer Grand opéra: Hier flatterten eher Luftgeister umher, als dass der Bocksbeinige mit schriller Fiedel zum Tanz aufgespielt hätte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2017)

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