Musiktheater Linz: Famoser Einstand mit "Frau ohne Schatten"

Kritik Standing Ovations für den neuen Chefdirigenten Markus Poschner, sein erstaunlich gutes Ensemble und Regisseur Hermann Schneider, der zwischen Märchen, Illusion, Realität in Strauss' schwieriger Oper zu vermitteln sucht.

Die gelangweilte Färberin (Miina-Liisa Värelä mit dramatisch glitzerndem Sopran) geht einer vorgegaukelten Glitzerfummelwelt auf den Leim.
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Die gelangweilte Färberin (Miina-Liisa Värelä mit dramatisch glitzerndem Sopran) geht einer vorgegaukelten Glitzerfummelwelt auf den Leim.
Die gelangweilte Färberin (Miina-Liisa Värelä mit dramatisch glitzerndem Sopran) geht einer vorgegaukelten Glitzerfummelwelt auf den Leim. – (c) Landestheater Linz/Reinhard Winkler

Kann sich ein neuer Chefdirigent die Latte höher legen als mit der „Frau ohne Schatten“? Auch für größere Häuser als das Landestheater Linz ist das Opus magnum aus der gemeinsamen Werkstatt Hugo von Hofmannsthals und Richard Strauss' eine Herausforderung – wegen seiner symbolistisch durchwirkten Märchenhandlung, der ungemein fordernden Hauptpartien, des komplexen Orchesterparts. Markus Poschner hat es dennoch gewagt – noch dazu ohne die eingebürgerten, vielfach praktizierten Striche, die das Stück nach Regieabsichten oder zur sängerischen Entlastung vereinfacht haben. Sogar in Strauss-Hochburgen waren sie gang und gäbe und sind erst in den vergangenen Jahren aus der Mode gekommen: durch Christian Thielemann in Salzburg, durch Kirill Petrenko in München.

Famos, wie gut Poschners Einstand Samstagabend als Nachfolger von Dennis Russell Davies gelungen ist. Mit dem guten Bruckner-Orchester hält er den Strauss'schen Hexenkessel durchwegs am Brodeln, kostet die prächtigen diatonischen Lyrismen und impressionistischen Valeurs aus, die daraus emporsteigen – und zeigt etwa bei der brütenden Starre am Beginn des letzten Bildes im Mittelakt, wie sich bereits die Klangflächeneffekte späterer Jahrzehnte ankündigen. Ein paar kleine Einsatzirrtümer oder ein etwas unsicheres Violinsolo fallen in diesen vier Stunden nicht weiter ins Gewicht: Das wird musikalisch gewiss bald noch geschmeidiger ineinandergreifen.

 

Roter Teppich für die Sängerstimmen

Natürlich versammelt Poschner alle Wucht an den dramatischen Höhepunkten, doch vergisst er auch die leisen Seelentöne nicht, zu denen sein erstaunlich homogenes, insgesamt Respekt gebietendes Ensemble fähig ist. Mit hörbarer Liebe zu den Stimmen rollt der Dirigent ihnen allen einen roten Teppich aus – und die beiden Hauptdarstellerinnen schreiten am eindrucksvollsten darüber. Die Färberin Miina-Liisa Värelä hätte man sich schon als Brünnhilde für den Linzer „Ring“ gewünscht: ein dramatisch glitzernder, in sämtlichen Lagen durchsetzungsfreudiger Sopran, der bei aller Robustheit auch bewegende Phrasen zu formen weiß. Brigitte Geller verfügt sowohl über die leichte Höhe, die die Auftrittsszene der Kaiserin verlangt, als auch über Innerlichkeit und dramatischen Aplomb für ihre expressiven Ausbrüche. Dass dabei das Melodram des dritten Akts als innerer Monolog in lautem Flüstern vom Tonband kommt, ist vielleicht keine packende, aber eine akzeptable Lösung für diesen gefürchteten, inhaltlich alles entscheidenden Wendepunkt im Drama um den Schatten, das Symbol der Fruchtbarkeit.

Heiko Börner stattet den Kaiser mit mühelos strömenden Tenortönen aus und überwindet im dritten Akt eine kleine Schwäche; Adam Kim ist als Barak bewusst als „kleiner Mann“ gezeichnet, klingt zunächst lyrisch und schlank und lässt trotz langen Atems noch nicht die Reserven ahnen, die sein hell timbrierter Bariton mobilisieren kann. Michael Wagners dunkel tönender Geisterbote sowie prägnante Färbersbrüder führen das übrige Ensemble an. Und zwischen allen Stühlen die Amme, mit Katherine Wagner nicht herkömmlich dämonisch, sondern in Stimme und Erscheinung jugendlich schlank besetzt: eine Mischung aus Gouvernante und Mrs. Danvers aus Hitchcocks „Rebecca“.

Die Inszenierung des Linzer Intendanten Hermann Schneider hat Stärken und Schwächen. Das ideelle Oben und Unten für die Sphären des hohen und des gemeinen Paares, die beide Prüfungen bestehen müssen, wie die Autoren es aus ihrem Vorbild „Zauberflöte“ übernommen haben, verwandeln Schneider und sein Ausstatter, Falko Herold, durch ein Hüben und Drüben, zwischen denen mittels Drehbühne rasch gewechselt werden kann. Kaiser und Kaiserin erwachen in bürgerlichem, wenngleich albtraumhaft heruntergekommenem Interieur. Durch eine zentrale Verbindungstür in der riesigen Wand gelangt man zu den Menschen. Dort arbeitet und haust Barak in einer Lagerhalle, wo er Stapler fährt und u. a. in versifften Waschmaschinen tatsächlich Tücher färbt. Das kleine Prolo-Idyll mit Hochzeitsfoto überm Ehebett an der 1950er-Jahre-Tapetenwand, es wird der Färberin zum Gefängnis, die mit Gummistiefeln und Schlauchpistole die Brüder in Schach hält, vom Gatten rechtschaffen gelangweilt ist und der Glitzerfummelwelt nebst Schlagersänger-Jüngling „ganz in Weiß“ (Mathias Frey), wie es ihr die Amme vorgaukelt, auf den Leim geht. Projektionen – vom „Poltergeist“-Flimmern über nächtliche Tierszenen bis zu Weltkriegsschemen – liefern starke, poetische Bilder, gerade im postapokalyptischen dritten Akt.

Zuletzt rächt sich allerdings die versuchte Anbindung ans Hier und Heute: Eine mit flatternden Schmetterlingen garnierte Waldszene mündet ausgerechnet zum monumentalen Schlussquartett in der zufälligen Begegnung des Arbeiterpaares Barak und Frau mit den coolen Kaisers von nebenan, er mit Hipsterfrisur, Bart und Kinderwagen. Da gerät Schneider vom Regen des Kitschverdachts in die Traufe der Banalität. Oder hat Frau Kaiser ohnehin alles nur geträumt? Wie dem auch sei: Standing Ovations.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2017)

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