Haydn im Versuchslabor

Kritik Giovanni Antonini und das Kammerorchester Basel ließen als Haydns Zauberlehrlinge dramatisch packende Klassik erklingen.

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Themenbild: Musikverein Wien – (c) Clemens Fabry

Manchmal schlägt der Blitz aus heiterem Himmel ein. Im Finale von Joseph Haydns 65. Symphonie etwa platzt nach zartem Cis-Dur und langer Generalpause das Orchester plötzlich mit dem Ton D im Fortissimo heraus. Explosionen können sich aber auch schleichend ankündigen, etwa im Andante derselben Symphonie, in dem Streicher und Bläser einander meist blockhaft gegenüberstehen: Lange wiederholen da die Primgeigen allein einen Ton, als tropfe es stetig aus der Pipette ins Reagenzglas – bis das Ganze auf einmal ähnlich vehement in die Luft geht, sprich: ein Tutti-Forte detoniert.

Dort wie da erzeugt der musikalische Alchemist Haydn in seinem symphonischen Versuchslabor klingendes Gold. Auch, wenn er im Menuett den Dreivierteltakt plötzlich mit Phrasen im scheinbaren Viervierteltakt so unterläuft, dass er jeden Tänzer zum Straucheln brächte. Oder wenn im Vivace con spirito am Beginn satztechnische Finessen mit ungekünstelter Lyrik wechseln . . .

Giovanni Antonini und das Kammerorchester Basel sind Haydns Zauberlehrlinge, die am Knall ebenso Freude haben wie am Feinen, Funkelnden: Es duftet nach Theater im Brahmssaal, wenn sie ihren Haydn-Zyklus mit Symphonien fortsetzen, die Geschichten voll kurioser Wendungen erzählen – und Werke spielen, denen man die Verwendung als Schauspielmusik nachsagt oder sie sogar beweisen kann.

Zum Höhepunkt wird die 67. Symphonie, die in Pianissimo-Samt beginnt, aber bald auch Hörner ihr Waidmannsheil schmettern lässt. Später ruft eine Drehleier zum Tanz, wundersam imitiert von einem Violinduo; im hurtigen Finale schmachtet plötzlich ein langsamer Einschub – und als lang hinausgezögerte Schlusspointe des Adagio spielen die Geigen mit dem Holz des Bogens. Dazu passt der veritable Horrorsoundtrack, den Mozart für „Thamos, König in Ägypten“ geschrieben hat: Jubel für exemplarisch vehemente Klänge der Angst. (wawe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2017)

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