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Apropos Regietheater: Darling, ich bin im Opernmuseum

27.12.2009 | 18:26 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

An der Met haben Publikumsproteste erreicht, dass neben der ungeliebten neuen „Tosca“ auch die alte Zeffirelli-Inszenierung im Repertoire bleibt.

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Amerika ist anders. Während Europa beinah flächendeckend mit Opernproduktionen versorgt ist, die verfälschende, in der Regel meist nur die handwerkliche Hilflosigkeit der Regisseure tarnende Machwerke darstellen, regiert jenseits des Ozeans ein retrospektiver Geist, der wiederum vor keinem noch so überladenen Kitsch zurückscheut. Hier wie dort bleibt der Geschmack auf der Strecke, sind ästhetisch hochwertige, mit Takt und Feingefühl gegenüber den Ansprüchen des Kunstwerks wie jenen des modernen Publikums erarbeitete Musiktheaterproduktionen die Ausnahmen.

Anders ist in den Staaten freilich auch die Abhängigkeit der Kulturszene – nicht von staatlichen Subventionsgebern, sondern von privaten Sponsoren. Eine Aufführung vom Format der jüngsten Wiener „Macbeth“-Premiere würde den sofortigen Entzug von – lebenswichtigem – Fördergeld bedeuten.

 

Sponsoren retten Zeffirelli

So hat die Met-Intendanz beschlossen, die neue „Tosca“-Inszenierung von Luc Bondy auf vielfachen (Sponsoren-)Wunsch alternierend mit der beliebten alten Franco-Zeffirelli-Produktion zu zeigen. Diese salomonische Lösung wirft nur eine Frage auf: Warum hat man eine funktionierende Aufführung zu ersetzen versucht?

Es gibt einen Umstand, den Intendanten allenthalben nicht akzeptieren mögen: Ein Opernhaus ist ein Museum. Ein Museum, das unter anderen Voraussetzungen zu führen ist als ein Sprechtheater, das – man mag sie für duftend und schön halten oder für das Gegenteil – immer neue Blüten treibt, zu deren sinnvoller Pflege man die konsequente Auseinandersetzung mit dem tragfähigen Stamm des Repertoires – von Shakespeare angefangen – aufrechterhält.

Für die Oper gilt das nicht. Das Musiktheater hat sich andere Formen gesucht, vielleicht bis hin zum Videoclip, wenn man die Entwicklung fantasievoll genug zu Ende denkt. Das Opernmuseum pflegt derweilen das Repertoire von Mozart bis Alban Berg. Mit Betonung auf Pflege. Selbstverständlich ändern sich ästhetische Anschauungen. Es ändert sich auch der Bildungsstand des Publikums, dem heute manches nahegebracht werden muss, was früher selbstverständlich schien. Doch trägt es zum besseren Verständnis wenig bei, wenn Figaro aus seinem prärevolutionären Ambiente im Ancien Régime in eine Weltraumstation oder der Polizeichef Scarpia aus seinem römischen Palazzo auf einen südamerikanischen Misthaufen transferiert würde. Im Gegenteil täte präzisere Definition not.

Nun gibt es mythologische Opern, in denen eher wandelnde Ideen als konkret auf ihre Zeit und ihr Umfeld bezogene Personen singend eine Welt erschließen. Wagners „Ring“ ist das offenkundige Beispiel dafür. Ob Mozarts „Don Giovanni“ eines sein könnte, wäre vom Regisseur klug argumentierbar, solange er die Tugenden Geschmack und Stilgefühl nicht aus den Augen verliert.

Von der schon erwähnten „Tosca“ aber über die „Bohème“ bis zu den „Meistersingern“ und dem „Rosenkavalier“ – um nur einige Beispiele zu geben – ist eine ganze Reihe von Dauerbrennern im Spielplan mit jeglicher Transformation nur schlechter zu machen. „Manon Lescaut“ im Kaufhaus funktioniert ganz einfach nicht. Das Stück ist in Wien auf diese Weise aus dem Repertoire katapultiert worden – wie der „Troubadour“: Der wäre zwar vielleicht unter die allgemeingültigeren, optisch freier zu behandelnden Stücke zu rechnen – doch scheiterte Wien in diesem Fall am mangelnden Geschmack und Stilgefühl.

 

Hauptsache, der Tenor singt schön!

Eben jene Eigenschaften haften – um noch einmal konkret zu exemplifizieren – einer Produktion wie Peter Konwitschnys französischsprachigem „Don Carlos“ an, die trotz überzeitlichen Dekors ganz konkret die Nöte der Ära Philipps II. fühlbar macht – im Volk wie im Escorial. Es geht also nicht um eine kopflose fortwährende Rekonstruktion von schon Dagewesenem.

Doch bevor man die Qualität inszenatorischer Annäherungen nicht gewährleisten kann, gilt die alte Faustregel, die ein Wiener Operndirektor schon im ausgehenden 19.Jahrhundert angesichts einer verstaubten „Siegfried“-Linde formulierte: Solang unter diesem Baum ein erstklassiger Tenor singt, ist er noch schön genug...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2009)

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7 Kommentare
Gast: Stefan
30.12.2009 18:11
0 1

Mein Gott...

Der sogenannte "Eurotrash" (oder das "Regietheater" - was fuer ein schrecklicher Terminus) sind die einzige Moeglichkeit, Oper heutzutage den Menschen nahe zu bringe! Denn Opern sind in Europa eben gottseidank KEINE Museen. Ich sage nicht, das alle "modernen" Inszenierungen sinnvoll und klug sind, aber die Tatsache, dass darueber nachgedacht und geredet wird, ist schon ein Erfolg. Wie hat Bachler mal in einem Interview gesagt: Das Publikum soll nicht das sehen, was es sehen WILL, sondern das, was es sehen SOLL. Das schrecklichste ist fue rmich, wenn Leute aus einer TOSCA rauskommen und sagen es war "schoen" oder "nett" - NETT? Mord, Folter? Ich bitte Sie! Sind wir doch froh das wir keine amerikanischen Disneyland - Verhaeltnisse haben, unsere Operndirektoren nicht Marionetten von Geldgebern sind und SPANNENDES MusikTHEATER auf die Buehnen kommt statt oede "Konzerte in Kostuem und Maske" oder die hunderste Carmen mit Zigarrenfabrik und Torero - Kostuem !

Antworten Gast: Brian
01.01.2010 15:01
1 0

Re: Mein Gott...

Es ist falsch, was Sie sagen. Ich habe vor kuerzem eine Schulklasse in die Oper gebracht, Teenagers, die wenig mit der Oper zu tun gehabt hatten. Es war L’italiana in Algiers – also eine gute, witzige (und nebenbei nicht neue) Inszenierung. Vom sogenannten „Eurotrash“ war keine Spur zu finden – und doch diese jungen Leute waren ausnahmslos begeistert. Der Grund? Erstens eben diese gute Inszenierung (von Ponnelle) und die erstklassige Besetzung (Florez, Furlanetto...). Also DAS brauchen wir, um Oper den (nicht nur jungen) Menschen nahe zu bringen – klare, kluge Inszenierungen und tolle Saenger.

Gegen „spannendes Musiktheater“ haben wir alles nichts – aber Sie machen einen Fehler, indem Sie glauben, „Eurotrash“ gleicht „spannendem Musiktheater“. Eine moderne Inszenierung kann genauso spannend sein wie eine alte – mir hat Lady Macbeth von Mzensk sehr gut gefallen – aber leider sind viele moderne Inszenierungen in der Staatsoper einfach schlecht – siehe Macbeth, Nabucco, Tristan usw.

Gast: steve
30.12.2009 18:02
0 1

so ein unsinn...

Der sogenannte "Eurotrash" (oder das "Regietheater" - was fuer ein schrecklicher Terminus) sind die einzige Moeglichkeit, Oper heutzutage den Menschen nahe zu bringe! Denn Opern sind in Europa eben gottseidank KEINE Museen. Ich sage nicht, das alle "modernen" Inszenierungen sinnvoll und klug sind, aber die Tatsache, dass darueber nachgedacht und geredet wird, ist schon ein Erfolg. Wie hat Bachler mal in einem Interview gesagt: Das Publiukum soll nicht das sehen, was es sehen WILL, sondern das, was es sehen SOLL. Das schrecklichste ist fue rmich, wenn Leute aus einer TOSCA rauskommen und sagen es war "schoen" oder "nett" - NETT? Mord, Folter? Ich bitte Sie! Sind wir doch froh das wir keine amerikanischen Disneyland - Verhaeltnisse haben, unsere Operndirektoren nicht Marionetten von Geldgebern sind und SPANNENDES MusikTHEATER auf die Buehnen kommt statt oede "Konzerte in Kostuem und Maske" oder die hunderste Carmen mit Zigarrenfabrik und Torero - Kostuem !

Merker
30.12.2009 09:59
0 0

Unerträglich...

Wenn man die Münchner Inszenierung des Lohengrin vor ein paar Tagen in 3sat gesehen hat, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Elsa baut aus Styroporziegeln ein Haus (steckt da eine Bausparwerbung dahinter?) und Lohengrin kommt mit dem toten Schwan im Arm,, um ihr (wahrscheinlich im Pfusch) zu helfen. Dass diese Oper in DER Inszenierung unter den ersten zehn "schönsten" Opern landet, wage ich zu bezweifeln. Überhaupt stümpert man mit dem Lohengrin am Besten. Keinen Cent aus meinen Steuergeldern hätte ich für dieses Disaster hergeschenkt. Die Salzburger Traviata(Netrebko, Villazon) oder der Rosenkavalier aus Baden-Baden (Thielemann) sind Beispiele einer zeitgemäßen, klugen Regie.

Gast: Messbecker
28.12.2009 14:19
1 0

An diesem Artikel

werden wieder einige würgen, die sich zuvor - etwa beim desaströsen Wiener "Macbeth" oder der peinlichen Grazer "Rusalka" - nicht genug erregen konnten in ihrer Begeisterung für diesen European Trash! Eine ganz Biedere hat hier und beim STANDARD allen, die nicht ihrer obskuren Meinung waren, ständig ihren Lieblingsterminus "hyperventilieren" vorgeworfen (hat sie etwa gar nur die H-Seite des kl. Fremdwörter-Dudens?).
BRAVO, BRAVO ans Publikum der MET (und die dortigen Entscheidungsträger angesichts der Opern-Realität). Wien sumpert halt weiter im Rinnsal der deutschen Regie-Apologoten.....

Hauptsächlich ...

... german trash (so wirds an der Met genannt - und ist natürlich auch austrian trash).

Gast: aufdecker
28.12.2009 13:45
1 0

svv

...unter diesen sünden des herrn holenders wird das wiener publikum noch lang zu "kiefeln" haben; nicht nur trovatore oder manon lescaut; auch der rienzi, parsifal, tristan sind jetzt schon (szenische) altlasten.

sollen sich die leute nicht in den sack lügen; wenn man schaut, wie zeitlos die tosca von margarete wallmann, zeffirellis boheme u. schenks meistersinger. und wie jetzt schon antiquiert u. uninspiriert die ganz oben erwähnten inszenierungen sind.

hier hat unser ach so sparsamer operndirektor viel geld in den sand gesetzt....

Sinkothek

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