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Dialog mit Europa: Mozart am Bosporus

14.01.2010 | 18:33 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Die Salzburger Festspiele kooperieren mit einem Milliardär aus Istanbul. Der Industrielle Ahmet Kocabiyik setzt auf kulturelle Akzente im Dialog mit Europa.

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Ahmet Kocabiyik ist ein vorsichtiger Optimist. Auf die Frage, wann denn die Türkei der Europäischen Union beitreten werde, sagt der Großunternehmer aus Istanbul: „Man kann das nur schwer vorhersagen – aber hoffentlich in zehn Jahren.“ Ginge es in dem engagierten Tempo, mit dem Kocabiyik die westliche Kultur umarmt, dann wäre diese Prognose sogar realistisch. Der Industrielle, dessen Holding Borusan mehrere Milliarden Euro Umsatz mit Stahl, Röhren, Luxusautos, Baufahrzeugen und im Energiesektor macht, hat bei seinem Hobby, der Musikpflege, nun vor allem Österreich entdeckt. Er lässt den jungen Dirigenten Sascha Goetzel das hauseigene Symphonieorchester ausbauen und wird 2011 bis 2013 ein großzügiger Sponsor der Salzburger Festspiele sein.

Über die Summe schweigen sich sowohl Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler als auch der Vorstandsvorsitzende von Borusan aus. Im Vergleich zu den bis zu neun Millionen Dollar, die er jährlich für die Kultur spende, sei es aber eine Kleinigkeit. Die Präsidentin merkt an: „Diese drei Jahre Unterstützung sind faktisch ein Einstandsgeschenk für (den künftigen Intendanten, Anm.) Alexander Pereira. Mit den Borusan-Geldern sollen Gastorchester unterstützt werden.“

 

„Nicht das Sommertheater von Bayern“

Die Kooperation mit Istanbul sei in Zusammenhang mit einer größeren Initiative zur Internationalisierung des Festivals zu sehen, sagen Rabl-Stadler und Salzburgs Konzertchef Markus Hinterhäuser, der 2011 nach dem Weggang von Jürgen Flimm ein Jahr lang interimistischer künstlerischer Leiter der Festspiele sein wird. Man werde auch Kontakte zu Brasilien knüpfen, rede mit möglichen Sponsoren in Shanghai, habe in London und Paris aktiv um Interesse geworben. In Rio, São Paulo, Zürich, Istanbul und Tokio werde heuer das Programm vorgestellt. „Ziel ist die Ausweitung des Publikums“, sagt Rabl-Stadler, „bei aller Liebe zu den Deutschen wollen wir nicht das Sommertheater von Bayern sein“.

Das Istanbuler Engagement für Österreich hat bereits im Sommer 2010 ein kleines Vorspiel. Kocabiyiks privat finanziertes Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, (Bifo), das vor gut zehn Jahren bescheiden begann, wird zur Eröffnung der Salzburger Festspiele auftreten, mit Stücken von Mozart und Fazil Say, außer Konkurrenz sozusagen. Das sei, wie Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler bei der Präsentation des Festivals diese Woche in Istanbul anmerkte, „ein Gruß Istanbuls als Europäische Kulturhauptstadt an Salzburg“. Und Salzburg sei für sechs Wochen im Sommer ohnehin die Kulturhauptstadt an sich. Dem direkten Vergleich im Wettbewerb mit Weltorchestern wie den Wiener Philharmonikern im offiziellen Programm will man die ambitionierten Istanbuler noch nicht aussetzen.

 

Ein dynamischer Dirigent aus Wien

Vor eineinhalb Jahren habe er das Angebot bekommen, aus dem Bifo ein Spitzenorchester zu machen, sagt Sascha Goetzel. Der Dirigent Daniel Barenboim habe ihm dringend zugeraten. Goetzel, der als Geiger begann (sein Vater war Wiener Philharmoniker), ist euphorisch: „Was gibt es für einen jungen Dirigenten Schöneres, als Klang, Charakter, Interpretation formen zu können, mit einem Toporchester, das aber nicht immer im Spotlight steht.“ Man könne Dinge ausprobieren, sich ein großes Repertoire erarbeiten, das sei künstlerisch eine Win-win-Situation. „Hierher kommt man frisch und schreibt ein neues Buch. Ich baue in Istanbul eine Orchesterkultur auf, etwas Bleibendes.“ Diese Woche stellt Goetzel die erste gemeinsame CD vor, ambitioniert mit Respighi, Hindemith, Schmitt.

Kern des Bifo ist bisher ein junges Streichquartett, das am Dienstag vor geladenen Gästen eine Kostprobe gab, ergänzt durch einen Auftritt der Sopranistin Maria Grazia Schiavo – ergreifende Arien von Mozart und Händel. Die Istanbuler Gesellschaft benahm sich dabei fröhlich unbekümmert, einige Damen und Herren suchten mitten im Vortrag, als das Quartet Nr. 1 von A. A. Saygun fast schon zu Ende gespielt war, ihre Sitzplätze, während sich andere gegenseitig per Mobiltelefon Fotos und Texte zusendeten – keine förmliche Feierlichkeit, sondern Feierstimmung.

 

„Wir wollen in den Klub“

Der Unternehmer Kocabiyik, der bereits seit 1997 das „Borusan Center for Culture and Arts“ betreibt, denkt bei seinem kulturellen Engagement langfristig und strategisch: „Die Musik ist eine universale Sprache, und wir brauchen den Dialog mit Europa. Wir wollen in den Klub, wir wollen zu den Besten gehören.“ Ob sich das nur auf seine Musiker bezieht, lässt er offen. Seine Bürozentrale am Ufer des Bosporus mit fantastischem Blick auf den asiatischen Teil der Stadt hat er mit moderner europäischer und türkischer Kunst ausstaffiert. Die 54 Mitarbeiter sind umgeben von erlesenen zeitgenössischen Werken, auch österreichischen: Über mehrere Stockwerke zieht sich eine Tapete von Peter Kogler in den Firmenfarben – Röhren. Eine wunderbare Neon-Arbeit von Brigitte Kowanz erwartet die Besucher im Eingangsbereich.

Eine ähnliche Installation („ad infinitum“) der erst im Vorjahr mit dem Staatspreis bedachten Licht-Künstlerin ist neben weiteren Installationen auch im eben eröffneten Kulturzentrum zu sehen, das die Firma mitten im Künstlerviertel von Beyoglu betreibt, „als Geschenk von Borusan an die Kulturhauptstadt“, wie Hausherr Ya?iz Zaimo?lu erklärt. In dem sechsstöckigen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, das bis auf die Fassade entkernt, praktisch neu und schnörkellos aus Beton gebaut wurde, will man ein offenes, aufgeschlossenes Programm bieten, das musikalisch von Jazz über Folklore und Tanz bis zur Klassik reicht. An diesem Freitag ist ein Barockensemble aus Österreich zu Gast. „Wir erwarten auch junge Leute hier“, sagt Zaimoglu. Und dieses junge Publikum ist zumindest hier, im schicken Beyoglu mit seinen Galerien, Boutiquen und Diskotheken, nur mit Mühe vom westlichen zu unterscheiden.

Auf einen Blick

Die türkische Metropole Istanbul ist gemeinsam mit der ungarischen Stadt Pécs und der deutschen Stadt Essen (stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet) die Kulturhauptstadt Europas 2010. In Istanbul wurde nun ein neuer Projektsponsorvertrag der Salzburger Festspiele (Bild: Präsidentin Dr. Helga Rabl-Stadler) abgeschlossen, und zwar mit der Borusan Holding, einem der größten Industriekonzerne der Türkei. Borusan wird ab 2011 für drei Jahre die Auftritte der Gastorchester bei den Salzburger Festspielen unterstützen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2010)

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1 Kommentare
Gast: Türkoglu
15.01.2010 11:11
0 0

jeder Kontakt

..zu Österreichern sollte gut überlegt sein.
Ich denke nicht das die Türkei Österreich als ein befreundetes Land ansehen sollte und auch könnte. Ich rate den Landsleuten zu mehr Wachsamkeit!

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