Wiener Musikleben: Aufregendes Neuland in Sicht

Fabio Luisi und Carlo Grante heute im Konzerthaus mit Busonis Klavierkonzert.

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(c) AP (Matthias Rietschel)

Eine „neue Ästhetik der Tonkunst“ verlangte der deutsch-italienische Komponist und Klaviervirtuose Ferruccio Busoni (1874–1924) in einer Streitschrift Anfang des 20.Jahrhunderts. Der Text, dem Dichter Rainer Maria Rilke gewidmet, hat Staub aufgewirbelt und manche Gegenpolemik hervorgerufen, allen voran eine – dann wiederum von Alban Berg zerzauste – von Hans Pfitzner. Forderungen nach der Erschließung neuer Klangwelten stießen aber nicht nur bei den Zeitgenossen auf Skepsis.

Auch Busoni selbst hat als Komponist den Klangraum der Spätromantik nie verlassen. Freilich hat er ihn angereichert durch ein beziehungsvolles Geflecht aus Anspielungen und Zitaten früherer Epochen – unter besonderer Berücksichtigung der kontrapunktischen Meisterschaft Johann Sebastian Bachs, dessen „Kunst der Fuge“ Busoni mit seiner gewaltigen „Fantasia contrappuntistica“ aus dem Geist der Moderne zu erneuern versucht hat. Busonis anspruchsvolles ?uvre gehört zu den Herausforderungen der jüngeren Konzertliteratur.

 

Spezialist für Sonderaufgaben

Daher ist es eine kleine Sensation, wenn die Wiener Symphoniker unter Fabio Luisi sich heute und morgen im Wiener Konzerthaus dem Klavierkonzert Busonis widmen, einem Werk, das schon aufgrund seiner Ausdehnung alle bis zu diesem Zeitpunkt üblichen Grenzen sprengt. Wie in einer Anspielung auf Beethovens Neunte (und die viel knappere Chorfantasie) benötigt der Komponist für sein Werk noch einen Chor, diesmal die Wiener Singakademie.

Carlo Grante, ein Klavier-Ritter ohne Furcht und Tadel aus Italien, hat sich in den letzten Jahren als Spezialist für solche Sonderaufgaben etabliert. Er hat auch andere, als schier unspielbar geltende Werke einstudiert und für CD dokumentiert, etwa (auf Music & Arts) die „Etüden über die Chopin-Etüden“ von Leopold Godowsky. In hypertropher Virtuosität wird da alles, was Chopin an technischer Fertigkeit verlangt, noch potenziert: Manchmal werden zwei Etüden gleichzeitig gespielt, andere nur von der linken Hand.

Mit Fabio Luisi, Chefdirigent der Wiener Symphoniker, hat Carlo Grante beim MDR unter anderem aber auch die beiden Klavierkonzerte von Franz Schmidt (Konzert in Es-Dur und Beethoven-Variationen) aufgenommen, die der Komponist für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein komponierte. Grante spielt sie in der hochkomplexen Urfassung, also nur mit der linken Hand.

Bei Busoni, heute und morgen, hat Grante beide Hände voll zu tun. Er wird einen Bösendorfer Imperial-Flügel spielen, denn nur der verfügt über die zusätzlichen tiefen Töne, die Busoni in seinem Werk verwendet. In jeder Hinsicht also Erkundung selten begangener musikalischer Landstriche...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2010)

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