Rainer Trost: Das Glück mit Gluck

12.03.2010 | 13:37 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse - Schaufenster)

Tenor Rainer Trost über das Moderne an Gluck und darüber, wie in seiner Karriere die Musik den Kampf gegen die Paragrafen gewann.

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Verschmitzt kommentiert Rainer Trost in Anspielung auf Richard Strauss’ letzte Oper, „Capriccio“: „Ich bin ja eher der Meinung der Gräfin Madeleine als der des Theaterdirektors La Roche.“ Der Tenor probt gerade Christoph Willibald Glucks „Iphigenie“ im Theater an der Wien und philosophiert, wie das seine Art ist, auch über die musikhistorischen Zusammenhänge. Und da steht Gluck bekanntermaßen an einem Wendepunkt. Für Trost ist es geradezu ein Wendepunkt zur Moderne: „Jedenfalls“, meint er, „war Gluck seiner Zeit weit voraus.“

Tatsächlich gilt „Iphigenie auf Tauris“, 1779 in Paris uraufgeführt, als Speerspitze des modernen Musikdramas. Die Streitigkeiten über das, was Musik im Theater sein soll, trieben just in jenen Jahren in der französischen Hauptstadt erstaunliche Blüten. Gerade darauf spielt Richard Strauss in seinem „Capriccio“ an, das die Auseinandersetzungen zwischen den Verteidigern von Glucks Opernreform (wie der Gräfin) und den Traditionalisten, die vor allem virtuosen Gesang ohne intellektuellen Überbau verfochten, auf die Bühne bringt.
Rainer Trost, der in der „Iphigenie“ den Pylades singt, sucht Vergleiche dort, wo sie sich dem Betrachter im
21. Jahrhundert anbieten: Anders als die Werke Glucks sind die seines Zeitgenossen Mozart omnipräsent. Der Tenor denkt darüber nach, warum das so ist, obwohl doch die Qualität der Gluck’schen Musik evident ist: „Vielleicht klingt das ein bisschen despektierlich, wenn ich sage, dass Gluck für meinen Geschmack ein nicht ganz so genialer Zeichner psychologischer Individualität ist, wie es Mozart war, der diesbezüglich vielleicht viel weiter war in dieser Zeit.“

Reines Vergnügen. Was Gluck betrifft, Mozart hin oder her, ist es für den Tenor „ein reines Vergnügen, sich mit dieser Musik auseinanderzusetzen. Wenn man die Partitur studiert, dann bemerkt man, wie weit Gluck bereits war. Seine Musik ist von großer Schönheit und direktem Affekt.“ Insofern deckt sich Trosts Anschauung mit jener, die Richard Strauss dann in seinem Alterswerk, in dem über die Oper als Kunstgattung disputiert wird, der Gräfin in den Mund legt – die für den musikalischen Fortschritt plädiert. Rainer Trost ist ein Künstler, der es gewohnt ist, sich Gedanken über die Partien zu machen, die er studiert, der hinter die historischen Kulissen schaut, um zu wissen, in welchem Umfeld die Werke entstanden sind.
„Ich bin gebürtiger Stuttgarter“, erzählt er und erinnert sich, wie früh er mit Musik konfrontiert wurde: „Zum Singen kam ich sozusagen durch meine Volksschullehrerin.“ Die hat die vokale Begabung ihres Zöglings erkannt „und mich zu den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben geschickt, wo ich dann zehn Jahre gesungen habe“.

Rainer Trost hat also die typische Entwicklung eines Sängerknaben mitgemacht, den die Leidenschaft fürs Singen auch mit dem Stimmbruch nicht verlässt: „Erst im Knabenchor und dann im Männerchor“, sagt er, doch dass er jemals solistisch agieren würde, gar als weltbekannter Tenor auf den großen internationalen Bühnen stehen würde, das wäre ihm nicht eingefallen: „Zunächst wollte ich Jus studieren, in Freiburg im Breisgau. Das habe ich dann auch gemacht – genau zwei ­Semester habe ich durchgehalten.“

Lieber freiberuflich. Dann war die Welt der Töne stärker als die der Paragrafen. Trost bewarb sich an der Musikhochschule in München. „Zuerst habe ich noch schnell meinen Militärdienst in Deutschland leisten dürfen, dann aber habe ich bei Adalbert Kraus Gesang studiert.“ Bereits vor dem Abschluss ist man auf die schöne lyrische Tenorstimme aufmerksam geworden: „Debütiert habe ich noch während meines Studiums als Graf Almaviva im „Barbier von Sevilla“, und zwar am Stadttheater Gießen – natürlich in deutscher Sprache!“

Die Geburt eines Vertreters jener raren Spezies bleibt dann selbstredend nicht geheim. Die Häuser lockten: „Mein Erstengagement mit einem Fachvertrag als lyrischer Tenor“, erzählt Trost, „hatte ich dann in Hannover, wo ich drei Jahre im Ensemble war.“ In ein Ensemble hat er sich seither nicht mehr verpflichten lassen. Zu rasch kamen lukrative Angebote. Debüts an der Wiener Staatsoper, am Londoner Covent Garden, der New Yorker Met, aber auch bei den Salzburger Festspielen machten ihn zum gesuchten freiberuflichen Tenor.

In Wien ist Trost mit Freude an höchst unterschiedlichen Projekten beteiligt. Der künftige Staatsoperndirektor, Dominique Meyer, hat ihn als Matteo in Strauss’ „Arabella“ und als Alfred in der „Fledermaus“ engagiert. „Der Alfred“, sagt Trost, „verfolgt mich jetzt geradezu: Auf den Gluck folgt ja heuer im Sommer eine „Fledermaus“ im Theater an der Wien unter der Leitung des neuen Chefdirigenten des RSO, Cornelius Meister. Und eine CD-Aufnahme für Sony im kommenden November, mit Friedrich Haider am Pult.“ Für CD hat Trost jüngst Schubert-Lieder eingespielt. Und apropos psychologische Feinzeichnung: Gleich zwei große Mozart-Aufgaben warten auf Rainer Trost in der kommenden Spielzeit: der erste Idomeneo an der komischen Oper Berlin und der Titus in Köln.

TIPP
Iphigénie en Tauride
Premiere 14. 3., Theater an der Wien, www.theater-wien.at
CD-Präsentation 19. 3., 18 Uhr, Gramola im Haus der Musik.

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