Voll seien Himmel und Erde von seiner Herrlichkeit, ruft der Chor da ekstatisch, immer wieder setzt zumal der Solotenor bei seinen verzückten Lobpreisungen auf heiklen Spitzentönen ein, und dazu brodeln im zerklüfteten Orchester die widerspenstigsten Rhythmen oder verwildert die Orgel geradezu in wüsten Zwischenspielen...
Das, was „schlechthin groß ist“: So definierte einst Immanuel Kant das Erhabene, jene Kategorie ästhetischer Erfahrung, die erst jenseits der Pole des Schönen und des Hässlichen zu finden sei. Leoš Janáčeks „Mša Glagolskaja“, die „Glagolitische Messe“, in altem Kirchenslawisch geschrieben, ist wahrlich „schlechthin groß“, wie sich das Publikum am Samstagnachmittag im Wiener Musikverein beim elektrisierenden Eröffnungskonzert des Festivals „Osterklang“ endlich wieder einmal überzeugen konnte. Jene geradezu urwüchsig-barbarische Kraft, die hier braust und sich doch auch bis in zarteste lyrische, impressionistisch kolorierte Abstufungen verästelt scheint acht Wochen vor Pfingsten nur mit jenem Geist vergleichbar, der weht, wo und wie er will.
Auch Strawinskys Sinfonie bewegte
Dem wohl weitgehend areligiösen tschechischen Nationalisten Janaček ging es wohl weniger um gottesfürchtige Andacht und Versenkung als vielmehr um ein durch gemeinsamen Glauben untermauertes slawisches Identitätsgefühl: Er wies die Behauptung brüsk zurück, er sei ein frommer Greis geworden. Vom frommen Greis ist auch Pierre Boulez denkbar weit entfernt: Am Tag nach seinem 85. Geburtstag leitete er mit gewohnt ruhiger Hand und kluger Übersicht das Konzert, dessen erster Teil Strawinsky galt und zeigte, dass auch ein ausdrucksmäßig „neutral“ ersonnenes Werk wie die Psalmensinfonie durch Schönheit und Klarheit der Ausführung bewegend wirken kann. Mit großer Konzentration und durchaus leidenschaftlich waren die Wiener Philharmoniker bei der Sache, auch wenn sich nicht leugnen ließ, dass zumal die „Glagolitische Messe“ hierzulande leider keine intakte Aufführungstradition besitzt.
Selbst wenn nicht in jedem Takt alle Synkopen wie mit der Mikrometerschraube justiert waren, geriet die Aufführung überwältigend, woran die sonore Hundertschaft des von Johannes Prinz einstudierten Wiener Singvereins gewohnt hochwertigen Anteil hatte. Nicht zuletzt stand in Ladislav Elgr ein unerschrockener Tenor zur Verfügung, der die gefährlichen Klettersteige seiner Partie nicht bloß zu meistern, sondern mit strahlender Inbrunst zu erfüllen verstand. An seiner Seite die Sopranistin Evelyn Herlitzius mit allzu üppig-dramatischem Klang, der untadelige Dmitry Ivashchenko (Bass) und Jolana Fogašová (Mezzosopran). wawe
Auf Ö1 am 5.4., 11 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2010)

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