Antonio Pappano, Chefdirigent in London (Covent Garden) und Rom (Santa Cecilia), ist einer der führenden Dirigenten unserer Zeit, in der Oper gleich firm wie im Konzert – was mittlerweile eine Rarität, aber genau jene Mischung ist, die in Wien am Pult der Philharmoniker in aller Regel die beste Figur macht. Pappanos „Wiener Geschichte“ ist so kurz wie effektiv. 1993 sprang der junge Maestro buchstäblich über Nacht ein und rettete die Staatsopernpremiere des „Siegfried“ ohne Probe: Mit dem ihm eigenen Ungestüm besiegte er nicht nur mit Siegfried den Drachen, sondern jegliche Skepsis von Publikum und Orchester.
Die Karriere Pappanos entwickelte sich dann aber jenseits der notorisch heiklen musikalischen Gefilde, in denen sich sein erster Triumph ereignet hatte. Vielleicht war das gut so. Jetzt kehrt Pappano – wiederum als Einspringer, diesmal für Mariss Jansons – nach Wien zurück und dirigiert an diesem Wochenende das philharmonische Abonnementkonzert.
Die Voraufführung verriet: Das Ungestüm ist dem Maestro erhalten geblieben. Doch hat er kapellmeisterische Routine genug erworben, um den Philharmonikern mit der sympathischen Verbindlichkeit eines Musikanten zu begegnen, der genau weiß, was er will, und die Kollegen einlädt, doch in seinem Sinn mit ihm aufzuspielen.
Lebendige Wiener Klassik
Er gibt die Richtung vor, die Art und Weise, wie eine Phrase sich zu entwickeln habe, und erwartet als Gegenleistung flexibles Spiel, das aufmerksam auf seine Vorgaben reagiert – und dabei auch Eigenes einbringt.
Wobei Pappano angesichts der notorisch kurzen Probenzeit auf Nummer sicher ging und für den zweiten Teil seines Debüts Schostakowitschs Zehnte wählte: ein Stück, das ohne viel Diskussion etwaiger wienerischer Aufführungstraditionen, also sozusagen außer Konkurrenz, spielbar ist – und noch nie seinen Effekt verfehlt hat.
Für den Connaisseur freilich doppelt spannend war die erste Konzerthälfte, bei der Farbe bekannt werden musste. Plötzlich, so zeigte sich, können die Philharmoniker auf ihre gewohnte, mittlerweile aber von allzu viel Originalklang-Gedankenblässe angekränkelte Klassiker-Spieltradition zurückgreifen und herzhaft aufspielen. Schon die ersten Takte von Mozarts „Pariser“ Symphonie zeigten, worauf Pappano hinauswollte: lebendige Phrasierung, klare Frage-Antwort-Dramaturgie, dialogisches Prinzip auf kleinstem Raum. Dabei prachtvolle Klangdisposition, wie Mozart sie nachweislich so liebte.
Das tönt „philharmonisch“ im wienerischsten Sinn und doch so rhetorisch vielgestaltig und eloquent, wie Klassik nur sein kann. So wird eine Mozart-Symphonie spannend vom ersten bis zum letzten Ton.
Wie Pappano und das Orchester auf ganz anderem Territorium harmonieren, erwies sich am „Schwan von Tounela“ von Sibelius – ein Hitparadenstück, das kaum je im Konzertsaal erklingt, diesmal aber nicht nur dank exzellenter Englischhorn- und Cello-Soli bezauberte, sondern auch wegen der koloristischen Mischtechnik, die gleich in den ersten Takten subtil die Ränder zwischen den aus den tiefsten in die höchsten Streicherregistern wandernden Farbflecken verwischte.
Pappano punktet also auch beim äußersten Kontrast zum thematisch-intellektuellen Spiel der Wiener Klassik. Er sollte regelmäßig wiederkehren.
Wiener Philharmoniker, Antonio Pappano. Samstag 15.30, Sonntag 11 Uhr. Musikverein. Live in Ö1: Sonntag, 11.03 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2010)


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