Nach langen Querelen stimmte Wolfgang Wagner (1919–2010) der Berufung seiner beiden Töchter aus erster und zweiter Ehe in die Bayreuther Festspielleitung zu. 2009 war ihre erste Saison. Katharina Wagner ist die „Außenministerin“, Eva Wagner-Pasquier gilt als wichtigste Instanz bei den Besetzungen. Was wird sich ändern? Wird sich was ändern in Bayreuth?
Mindestens 20.000 Leute, anderen Angaben zufolge sogar 40.000, strömten am 21.August zum Public Viewing der „Walküre“ mit Thielemann auf den Bayreuther Volksfest-Platz. Wagner ist gefragt. Aber an der Tatsache, dass man sieben bis elf Jahre auf eine Karte im Festspielhaus warten muss, wird sich wohl kaum etwas ändern, oder?
Katharina Wagner: Würde man die Spielzeit verlängern, wäre das ein riesiger Kostenfaktor. Das würde dann nicht das Zwei- oder Dreifache, sondern das x-Fache kosten. Da brauche ich jetzt, glaube ich, nicht lang ausholen, um deutlich zu machen, dass das unmöglich ist. Die Leute spielen hier in ihren Ferien. Wir haben kein festes Ensemble. Ein zweites Festspielhaus zu bauen, kommt auch nicht infrage. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil das bestehende Haus einmalig ist. Die Erweiterungspläne, die wir haben, beziehen sich auf eine Probebühne. Die brauchen wir, nahe dem Festspielhaus, vor allem um die künstlerische Qualität zu gewährleisten.
Es wurde immer wieder diskutiert, ob man nicht auch Frühwerke Richard Wagners spielen könnte, wenigstens „Rienzi“.
Es wird darüber gesprochen, im Wagner-Jahr 2013 (200. Geburtstag) alle Frühwerke zu spielen. Wir sind im Moment auf der Suche nach Sponsoren.
Wird jemals etwas anderes als Wagner auf dem Grünen Hügel gezeigt werden?
Solange es die Richard-Wagner-Stiftung gibt, in der ausdrücklich festgeschrieben ist, dass das Festspielhaus zur festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners gedacht ist, wird da nichts anderes stattfinden. Das ist keine Entscheidung der Festspielleitung, wie viele Leute denken. Das ist in der Stiftungsurkunde so festgelegt. Insofern erübrigt sich die Diskussion. Sollte der Stiftungsrat beschließen, die Satzung zu ändern, was ich für eher unwahrscheinlich halte, kann man über diesen ganzen Themenkomplex noch einmal neu diskutieren. Ich finde das aber nicht dringend. Es ist doch ganz selten der Fall, dass sich ein Komponist ein eigenes Opernhaus für seine Werke hinstellt. In der Beziehung bin ich absolut traditionell und sage, diesen Gedanken sollte man pflegen.
Was haben Sie für Wünsche, Pläne?
Der größte Wunsch ist, dass wir, da wir nur Wagner spielen, irgendwann einmal der absolute Vorreiter der Wagner-Rezeption werden. Wenn wir das nicht schaffen, dann muss ich sagen, ist es schlecht. Dann haben wir etwas falsch gemacht. Gleichzeitig möchten wir möglichst vielfältige Interpretationen zeigen, sowohl, was das Szenische als auch, was das Musikalische angeht. Ich selbst werde als Nächstes 2015 „Tristan und Isolde“ inszenieren, Christian Thielemann wird dirigieren. Wenn ich alle acht Jahre inszeniere, ist das völlig okay. Es soll ja, wie ich eben ausgeführt habe, unterschiedliche Handschriften geben. Das Wichtigste ist, dass man nicht in ein einförmiges Fahrwasser gerät, bei Dirigenten wie bei Regisseuren.
Gibt es originelle, junge Regisseure?
Sebastian Baumgarten ist ein sehr geschätzter Kollege von mir. Er wird 2011 „Tannhäuser“ herausbringen. Ästhetik ist ja immer eine Frage des Geschmacks. Da kann man gar nicht sagen, dass es gut oder schlecht ist. Das ist doch immer subjektiv.
Wie steht es mit den Festspiel-Finanzen?
Wir brauchen auf jeden Fall mehr Geld und wir hoffen, dass wir das auch bekommen. Das Problem sind die jährlichen Tariferhöhungen, die Subventionen müssten um diesen Betrag erhöht werden, das geschieht aber nicht.
Welche Musik mögen Sie denn?
Ich bin eigentlich nicht sonderlich festgelegt. Ich drehe das Radio auf und höre Charts genauso wie Rammstein.
Wie ist es bei klassischer Musik?
Ich mag Puccini sehr gern. Bruckner liebe ich. Man merkt, dass ich mit dem schweren Fach aufgewachsen bin.
Wie wird die Geschichte der Bayreuther Festspiele und der Familie Wagner im Dritten Reich aufgearbeitet? Es gab Ankündigungen, was passiert denn jetzt konkret?
Diese Aufarbeitung ist konkret im Laufen. Die Festspielleitung möchte in diesen Prozess nicht aktiv eingebunden sein, das haben wir von Anfang an gesagt, weil dann immer sofort der Vorwurf im Raum steht, man sei befangen oder habe etwas zur Seite geräumt. Wir sind auch keine Historiker, wir können das Material nicht kritisch und ordentlich genug bewerten. Was meine Schwester und mich angeht, sind Türen und Tore offen. Was andere Familienmitglieder betrifft, kann ich nichts sagen. Man kann ja keinen zwingen, Material herauszugeben.
Sind Sie stolz, dass Sie Wolfgang Wagners Tochter, Urenkelin Richard Wagners sind?
Jeder wird reingeboren, wo er reingeboren wird. Da kann man nichts dagegen machen, das muss man hinnehmen. Natürlich denke ich mir manchmal, mein Gott, hätte ich nicht woanders als in so einem Irrenhaus aufwachsen können. Und dann noch diese vielen fanatischen Wagner-Fans.
Macht es trotzdem Spaß?
Die Arbeit macht Spaß. Sonst würde ich sie nicht machen. Das muss man schon mal ganz deutlich sagen: Ich bin keine, die etwas macht, das ihr keinen Spaß macht. Das kann man ja auch gar nicht, weil wenn man nicht leidenschaftlich bei einer Sache ist, dann kann auch nichts draus werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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