Wiener Staatsoper: Jugend allein reicht nicht bei „La Bohème“

Puccinis Oper wurde szenisch aufgefrischt, blieb stimmlich aber weitgehend unauffällig. Dass Franz Welser-Möst ans Pult des wachsamen Orchesters trat, war wohl in erster Linie als politisches Bekenntnis zu verstehen.

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(c) Wiener Staatsoper (Michael Pöhn)

Zeffirellis „Bohème“-Inszenierung gilt nicht nur vielen Wiener Opernfreunden als sakrosankt: 1963 unter Karajan von der Scala übernommen, ist sie längst zum Inbegriff eines Bilderbuchstils am Schnittpunkt von Opulenz und Realismus geworden. Am zweiten Abend seiner Direktion bot Dominique Meyer eine Wiederaufnahme der Produktion, ließ dafür die durch 382 Aufführungen ramponierte Ausstattung in Teilen restaurieren und allerlei zuletzt oft gestrichene Statisterie wieder einstudieren – ein diplomatischer Coup, mit dem er nicht nur den Traditionalisten ein beruhigendes „Fürchtet euch nicht!“ zuruft (nämlich vor einer Neuinszenierung), sondern auch der Fantasie des Regisseurs gebührenden Respekt erweist.

Davon profitiert vor allem der Trubel rund ums Café Momus, doch bleiben die Verschönerungen insgesamt marginal. Auf die Qualität viel größeren Einfluss nahm die in dieser Form ja öfter angestellte Überlegung, nach welcher „La Bohème“ keiner Stars bedürfe und weitgehend von selbst funktioniere, sofern nur glaubwürdig junge, natürlich agierende Menschen die Mansarde bevölkern würden. Eine Rechnung, die prompt nicht recht aufgehen wollte – zumindest nicht an einem großen Haus wie diesem.

Unverbrauchtheit, vielleicht auch Naivität mancher Herren in Ehren, aber die mit Abstand beste Leistung bot, trotz manch etwas zu opernhaft anmutender Gestik, die durchaus erfahrene Krassimira Stoyanova als vokal souveräne, mit zart erblühenden Kantilenen erfreuende Mimì. Dagegen hatte Stephen Costello keinen leichten Stand: Mittelfristig für den nach wie vor maroden Rolando Villazón eingesprungen, konnte der an sich fesche Amerikaner bei seinem Hausdebüt als Rodolfo weder durch sinnliches Timbre, technisches Finish oder schlichtes Volumen sonderlich punkten, sondern bot in allem braves Mittelmaß. Und auch das Zusammenspiel mit den stimmlich zuverlässigen Kommilitonen Schaunard (neu im Ensemble: Adam Plachetka) und Colline (erstmals Sorin Coliban) war schon lebendiger und pointierter zu erleben. Vergleichsweise ältere Semester stellten dagegen Boaz Daniel (Marcello) und Alexandra Reinprecht (Musetta) dar, wobei er besser sang und sie besser spielte, sowie natürlich der unverwüstliche Alfred Šramek als Benoit und Alcindoro.

Dass Franz Welser-Möst ans Pult des wachsamen Orchesters trat, war wohl in erster Linie als politisches Bekenntnis zu verstehen, dass der neue Generalmusikdirektor auch fürs italienische Repertoire zuständig sei. Wie erwartet, triumphierte Animo über Sentimentalität, doch ließ sich selbstverständlicher Einklang der Phrasierung nur mit Mimì erzielen, nicht mit Rodolfo.

Am 9., 12., 16., 19.9., Karten: 5131513.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)

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