Wiener Staatsoper: Jugend allein reicht nicht bei „La Bohème“

07.09.2010 | 18:38 |  WALTER WEIDRINGER (Die Presse)

Puccinis Oper wurde szenisch aufgefrischt, blieb stimmlich aber weitgehend unauffällig. Dass Franz Welser-Möst ans Pult des wachsamen Orchesters trat, war wohl in erster Linie als politisches Bekenntnis zu verstehen.

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Zeffirellis „Bohème“-Inszenierung gilt nicht nur vielen Wiener Opernfreunden als sakrosankt: 1963 unter Karajan von der Scala übernommen, ist sie längst zum Inbegriff eines Bilderbuchstils am Schnittpunkt von Opulenz und Realismus geworden. Am zweiten Abend seiner Direktion bot Dominique Meyer eine Wiederaufnahme der Produktion, ließ dafür die durch 382 Aufführungen ramponierte Ausstattung in Teilen restaurieren und allerlei zuletzt oft gestrichene Statisterie wieder einstudieren – ein diplomatischer Coup, mit dem er nicht nur den Traditionalisten ein beruhigendes „Fürchtet euch nicht!“ zuruft (nämlich vor einer Neuinszenierung), sondern auch der Fantasie des Regisseurs gebührenden Respekt erweist.

Davon profitiert vor allem der Trubel rund ums Café Momus, doch bleiben die Verschönerungen insgesamt marginal. Auf die Qualität viel größeren Einfluss nahm die in dieser Form ja öfter angestellte Überlegung, nach welcher „La Bohème“ keiner Stars bedürfe und weitgehend von selbst funktioniere, sofern nur glaubwürdig junge, natürlich agierende Menschen die Mansarde bevölkern würden. Eine Rechnung, die prompt nicht recht aufgehen wollte – zumindest nicht an einem großen Haus wie diesem.

Unverbrauchtheit, vielleicht auch Naivität mancher Herren in Ehren, aber die mit Abstand beste Leistung bot, trotz manch etwas zu opernhaft anmutender Gestik, die durchaus erfahrene Krassimira Stoyanova als vokal souveräne, mit zart erblühenden Kantilenen erfreuende Mimì. Dagegen hatte Stephen Costello keinen leichten Stand: Mittelfristig für den nach wie vor maroden Rolando Villazón eingesprungen, konnte der an sich fesche Amerikaner bei seinem Hausdebüt als Rodolfo weder durch sinnliches Timbre, technisches Finish oder schlichtes Volumen sonderlich punkten, sondern bot in allem braves Mittelmaß. Und auch das Zusammenspiel mit den stimmlich zuverlässigen Kommilitonen Schaunard (neu im Ensemble: Adam Plachetka) und Colline (erstmals Sorin Coliban) war schon lebendiger und pointierter zu erleben. Vergleichsweise ältere Semester stellten dagegen Boaz Daniel (Marcello) und Alexandra Reinprecht (Musetta) dar, wobei er besser sang und sie besser spielte, sowie natürlich der unverwüstliche Alfred Šramek als Benoit und Alcindoro.

Dass Franz Welser-Möst ans Pult des wachsamen Orchesters trat, war wohl in erster Linie als politisches Bekenntnis zu verstehen, dass der neue Generalmusikdirektor auch fürs italienische Repertoire zuständig sei. Wie erwartet, triumphierte Animo über Sentimentalität, doch ließ sich selbstverständlicher Einklang der Phrasierung nur mit Mimì erzielen, nicht mit Rodolfo.

Am 9., 12., 16., 19.9., Karten: 5131513.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)

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11 Kommentare
Gast: Peithetairos
08.09.2010 22:12
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So etwas albernes!

Da nimmt sich erstmals seit Kleiber in den Achtzigerjahren wieder ein erster Mann dieses Repertoires an, das zwei Jahrzehnte von Drittklasslern niedergeschmiert wurde, die Zeitungen überschlagen sich, das Publikum jubelt. Aber ausgerechnet die einzige etwas durchwachsene Kritik (die in der Presse") wird als Gefälligkeitsgutachten heruntergmacht, einer war gar nicht drinnen, und ein anderer halluziniert Buh-Rufe. Ich habe jedenfalls keinen gehört, und wäre einer gewesen - welche Relevanz hat das? Da ist das Pausengeschwätz von sieben Kaffeetanten ja aussagekräftiger als eine geblökte Einzelmeinung. Ich bin sicher: Die Entwicklung zur Qualität, die jetzt angebahnt wurde, ist unumkehrbar. Publikum, Presse und vor allem das Orchester stehen in riesiger Mehrheit hinter der Direktion und dem GMD. Die paar Matschkerer, habituell Substituten an der elften Bratsche in den Fünfzigerjahren, haben keinen Rückhalt. Qualität ist mittlerweile nicht einmal mehr auf kurze Sicht aufzuhalten.

Antworten Gast: Zeitzeuge
10.09.2010 09:20
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Re: So etwas albernes!

Da ist nichts halluziniert. Lesen Sie die Salzburger Nachrichten, auch dort werden die Buh-Rufe erwähnt. Wenn Sie diese nicht hörten, dann ist auf ihr akustisches Urteilsvermögen auch sonst kein Verlass. Puccini ist nun mal nicht Welser-Mösts Stärke. Einzig die Parlandopassagen im 1. und 4. Akt waren gut, aber für die großen melodischen Bögen nimmt er sich einfach zu wenig Zeit, da kommt nichts an Emotionen rüber und auch die Sänger konnten sich stimmlich kaum entfalten. Von Karajan oder Kleiber war das meilenweit entfernt.

Antworten Antworten Gast: Peithetairos
10.09.2010 09:56
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Re: Re: So etwas albernes!

Ich zitiere mich ausnahmsweise selbst: „Und wäre einer gewesen - welche Relevanz hat das? Da ist das Pausengeschwätz von sieben Kaffeetanten ja aussagekräftiger als eine geblökte Einzelmeinung."

Aber weil wir schon beim Detailfachsimpeln sind: Große Bögen haben gefehlt? Da müssen Sie während der Mimi-Arie im ersten Akt eine Rauch- oder sonstige Pause eingelegt haben. So ein Streicherpianissimo, so eine zarte Sehnsuchtskantilene hab ich wahrhaftig zuletzt bei Kleiber gehört.

Vielleicht einigen wir uns aber auf folgendes: Wir alle wissen nicht, wie Musik zu sein hat, denn Meisterwerke erneuern sich in jeder Aufführung. Freuen wir uns also konsensual, dass wir die burlesken Szenen in 1. und letzten Akt einmal so gehört haben, wie Puccini das vorgesehen hatte.

Antworten Antworten Antworten Gast: Zeitzeuge
10.09.2010 14:08
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Re: Re: Re: So etwas albernes!

Was das Pianissimo anlangt, gebe ich Ihnen recht. Aber das Versprechen,das dieses gab, hat dann das, was folgte, nicht eingelöst. Da fehlten die Bögen Daher blieb sogar die wundervolle Krassimira Stoynova in ihrer Arie weit unter dem, was ihr an sich möglich wäre.

Gast: Bohemien
08.09.2010 13:51
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Seltsam

Weidringer schrieb die am wenigsten lobhudelnde, eigentlich "kritischste" Kritik von allen hiesigen Zeitungen - und die hier vertretenen Anti-We-Mö-Poster sind ausgerechnet damit unzufrieden?!

Gast: aufdecker
08.09.2010 08:53
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Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

...............ich habe stark das Gefühl, dass WW von WS als neuer Hausredakteur für FWM eingesetzt wird - anders kann man sich die "liebdienenden" Rezensionen (Kritik wäre das falsche Wort) nicht erklären.

Von vielen Leuten wird berichtet, dass gerade bei der Boheme die Leistungen von FWM geradezu inferior war.

Bitte in Zukunft mehr Objektivität - sofern möglich

Antworten Gast: Peithetairos
08.09.2010 09:50
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Re: Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

Was ist das denn für ein mieselsüchtiges Geschimpfe vom Hörensagen? Waren Sie denn drin? Jeder (wirklich jeder) heutigen Tageszeitung – derzeit verfügbar: Kurier, Krone, Standard, OÖN, die Presse ist noch die schlechteste – ist zu entnehmen, dass das Dirigat großartig war. Ich kann das bestätigen, denn ich war dort und habe eine orchestral derart differenzierte, spannende, bewegende „Bohéme" seit Kleiber nicht gehört. Und jetzt gehen Sie hin oder besser nicht, wenn aber nicht, würde ich mich der Ferndiagnosen enthalten.

Antworten Antworten Gast: aufdecker
08.09.2010 10:37
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Re: Re: Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

lesen Sie - allem zum Trotz - genau zwischen den Zeilen bei Herrn Weidringer; ganz so glücklich dürfte er doch nicht gewesen sein mit der Aufführung Es wird trotzdem halt alles "schöngeschrieben".
ich hab bei boheme schon so viele "vorgaben" (karajan 1977 u. 78 und Kleiber), dass ich mir gar keine andere antun will.
außerdem hab ich sowieso so viele kulturveranstaltungen im plan, dass ich mir die boheme nicht unbedingt anhören muss.
schön, dass es so viele FWM-afficionados gibt - ich gehöre definitiv nicht dazu. Ich bevorzuge bei Dirigenten totale Musiker, die ihr Herz u. Sentiment zeigen; nicht die technischen "Stimmverästeler", die ein wunderschönes Bild in Puzzleteilchen zerlegen..............

Antworten Antworten Antworten Gast: Peithetairos
09.09.2010 00:04
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Re: Re: Re: Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

Eben drum wundere ich mich ja, dass Sie der Kritik Liebedienerei vorwerfen. Noch etwas: Sie scheinen, wie ich auch, bemerkenswerte Dinge in der Oper erlebt zu haben. Was bringt Sie dann dazu, sich zu solchen Klischees herabzulassen? Seit wann bedeuten Genauigkeit und Durchhörbarkeit Herzlosigkeit? Den ersten kammermusikalischen Wagner hat, bitte, Karajan dirigiert. Haben Sie denn zuletzt eine "Götterdämmerung" oder den „Parsifal" am 30. Juni unter FWM gehört? Da wäre nichts geströmt, hätte sich nichts ereignet? Ich habe nachher alte, sehr berühmte Philharmoniker getroffen, die so ergriffen und gepackt waren wie ich.

Antworten Gast: gegenaufdecker
08.09.2010 09:34
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Re: Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

habe nur das beste vernommen. selbsternannte kritiker haben meist unrecht. ich kannte z.b einen filmkritiker, dessen niedergemachte streifen ich mir gerne gab - und es waren die besten filme.
heutzutage gibt es kulturkritiker oder hobbyanalysten, die selbst noch nie in einer kunstszene waren oder dort gearbeitet haben, aber meldungen scheiben, als wären sie papst, das ist heute mode.

Antworten Gast: Zeitzeuge
08.09.2010 09:31
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Re: Neuer Hofberichterstatter für FWM..........

Sehr richtig! Welser-Möst musste am Schluss sogar Buh-Rufe einstecken, was der Rezensent hier verschweigt, übrigens auch der Kurier. Dem Aufruf von aufdecker nach mehr Objekjtivität schließe ich mich voll an.

Sinkothek

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