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Neue Oper Wien: Ewige "Danton"-Dämmerung

04.10.2010 | 18:26 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Gottfried von Einems bedeutende Büchner-Vertonung ist jetzt im Museumsquartier zu erleben: Die Musik ist zwingend, die Inszenierung simpel.

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Es soll vorkommen, dass Uraufführungserfolge keine Wirkung zeitigen. Im Falle von Gottfried von Einems Büchner-Vertonung „Dantons Tod“ hieß es hingegen sogleich, das sei ein Werk für die dauerhafte Integration in den Repertoirebetrieb. Keine der Opern Einems, auch ähnliche Premierenerfolge wie der „Besuch der alten Dame“, wurde so oft neu inszeniert wie der geniale Erstling vom Ende der Vierzigerjahre.

Freilich, eine Durststrecke begann, als die Art und Weise, in der Einem komponierte, unzeitgemäß zu werden drohte. Spätestens in den Achtzigerjahren galt Musik, in der sich das Publikum harmonisch zurechtfinden kann, als veraltet. „Danton“ beginnt allen Ernstes in D-Dur. Und es bereitet dem Hörer keine Mühe, auch in den effektvoll verschachtelten Massenszenen jeweils zu erkennen, wo gerade der Grundton ist – sofern halbwegs richtig gesungen und musiziert wird.

Die Zeit der Zurückhaltung könnte zu Ende sein. In der Ära der Postmoderne ist Gottfried von Einem schon wieder so etwas wie ein Vorreiter – Avantgarde also, im wahrsten Sinne des Wortes. Jedenfalls widmet man sich ohne jegliche ideologische Debatte wieder seinem Schaffen.

Damit kehrt „Danton“ zurück. Und es könnte leicht sein, dass er nicht wieder von den Spielplänen verschwindet. Nebst Stücken wie Brittens „Peter Grimes“ hat die jüngere Musikgeschichte nicht viele Kompositionen von so unmittelbarer Schlagkraft zu bieten. Einems Theaterpranke zeigt sich in dem Revolutionsdrama von Szene zu Szene. Wer ganz streng sein will, hält es mit Einems Lehrer Boris Blacher, dem Widmungsträger der Partitur. Er befand das erste Bild als vergleichsweise schwach (seine drastische Formulierung ist nicht zitabel). Aber spätestens nach zehn Minuten schlägt die Musik den Hörer in Bann; und lässt ihn nicht mehr los. Büchners knappe, auch sprachlich ungemein konzis gefasste Dramaturgie erhält durch die holzschnittartig einfachen Strukturen von Einems Musik die ideale Fassung. Die Dialoge spitzen sich drastisch zu, die Chöre sind von unausweichlicher Brisanz – es gibt nicht viele Tragödien, die sich so folgerichtig und ohne Umschweife entwickeln wie diese.

Die „Neue Oper Wien“ leistet eine Vorgabe und setzt – fast 20 Jahre nach der letzten Volksopern-Produktion – diesen „Danton“ für eine Woche ins Museumsquartier. Die Inszenierung ist simpel und – mit Ausnahme einiger völlig unnötiger Sexual-Gewalt-Zusätze, die nicht weiter zur dramatischen Schlagkraft beitragen – stimmig. Hätte Leonard Prinsloo ein wenig mehr das Mit- und Gegeneinander der Akteure zuzuspitzen verstanden, man würde die völlige Text-Unverständlichkeit, die an diesem Abend herrscht, besser verkraften.

 

Von Robespierre zum Henkersknecht

Büchner bleibt mangels Artikulation ausgeblendet, wird lediglich vermittelt durch die melodisch-rhythmische Energie, die Einems Musik freisetzt; im Orchester und im Wiener Kammerchor unter Walter Koberas kraftvoller Führung. Sie schießt hie und da ein wenig übers Ziel und deckt selbst große Stimmen wie jene des Danton (Mathias Hausmann) zu. Markus Miesenberger als Camille oder Andreas Kammerzelt als Präsident des Revolutionstribunals haben da oft wenig Chancen durchzudringen. Dafür gelingt es Jennifer Davison, die Auftritte der Lucille zu lyrischen Höhepunkten der Aufführung werden zu lassen. Und Alexander Kaimbacher gibt dem Robespierre die ideale Charakteristik von gefährlich-hinterhältiger Abgehobenheit; ein Charismatiker, der alles dominiert, auch wenn er im Hintergrund agiert. Dass er – wie der verschlagene Saint-Just von Rupert Bergmann – zuletzt in der Rolle des Henkersknechtes wiederkehrt, hat durchaus Sinn.

Für jüngere Wiener Opernfreunde ist diese Produktion die Chance, ein bedeutendes Stück Musikgeschichte kennenzulernen. Für die Staatsoper ist sie ein Auftrag: „Danton“ wie angekündigt wieder ins Repertoire zu nehmen – und ihm dort einen dauerhaften Platz zu sichern.

Reprisen: 5., 7., 9. und 10. Oktober, Museumsquartier, Halle E, 19.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2010)

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