Warum ist Christian Thielemann so gut?

Salzburgs Osterfestspiele stehen ab 2013 unter der Leitung eines deutschen Dirigenten, der gegen heftigste Angriffe mittels Qualität Weltkarriere gemacht hat. Versuch über einen unbequemen Unzeitgemäßen.

Warum Christian Thielemann
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Warum Christian Thielemann
Thielemann – (c) APN (Matthias Rietschel)

Wie gut muss ein Künstler sein, den seine Widersacher mit der wirksamsten Keule bekämpfen, die es heutzutage gibt? Christian Thielemann, Berliner des Jahrgangs 1959, hat auf geradezu märchenhafte Weise Karriere gemacht, wurde zum gesuchtesten Dirigenten seiner Generation – obwohl ihn eine Journalistenriege konsequent als politischen Rechtsaußen zu diffamieren versucht. Sein Aussehen, seine Haltung, seine Frisur („zackiger Scheitel“) wurden ihm zum Vorwurf gemacht, zuletzt wütete die „Welt“ gegen eine Aufführung von angeblich politisch „belasteten“ Richard-Strauss-Werken in Berlin, darunter das „Festliche Präludium“, in Wahrheit 1913 zur Eröffnung des Wiener Konzerthauses komponiert...

Gegen derlei Angriffe führt der humanistisch gebildete Maestro stets eine lateinische Gegenfrage ins Feld: Cui bono? Wem nützen die Diffamierungen, Erzählungen von angeblichen deftigen „Sagern“, die bei Aufnahmesitzungen gefallen sein sollen – wofür nie Beweise vorgelegt wurden. Es sollte aber „etwas hängen bleiben“.

Und doch wurde Christian Thielemann zum Publikumsliebling in Nürnberg, in Berlin, in Bologna, in Wien, in Bayreuth. Wo immer er auftrat, hatte er das Publikum auf seiner Seite, die Orchestermusiker, die sich von ihm zu Höchstleistungen angespornt fühlten und ihre oft schon durch den Alltagsbetrieb verschüttete Liebe zur Musik wiederentdeckten, aber auch jenen Teil der Kulturpublizistik, der künstlerische den politischen Betrachtungen vorzieht.

Da war, das erkannten Hellhörige sogleich, eine einzigartige Begabung am Werk, eine, die Leidenschaften in Klängen beschwören konnte. Diese Kunst flößt manchen Angst ein, rührt sie doch an Saiten jenseits des rational Begreiflichen.

Liebe zur deutschen Romantik. Thielemann liebt die Musik von Richard Strauss und die von dessen Zeitgenossen Hans Pfitzner. Ganz zu schweigen von Richard Wagner. Und er interpretiert diese Musik mit äußerster Hingabe, was in der Hörerschaft geradezu ekstatische Wirkungen auslöst. Grund genug, Skeptiker auf den Plan zu rufen, die nachlesen, was Meister vom Format Wagners oder Pfitzners an Politischem geäußert haben.

Problematisches, das doch auch beim Wagner- und Pfitzner-Interpreten Spuren hinterlassen musste. Musste?

Christian Thielemann hat Karriere gemacht, obwohl man ihm wiederholt Fallstricke gelegt hat. Seine schnoddrige Geradlinigkeit – das Preußentum gilt dem Berliner durchaus als Tugend – war mehr als ein Mal verstörend. Spektakulär im Jahr 1985, als Thielemann beim Herbert von Karajan Wettbewerb teilnahm und mit Bomben und Granaten durchfiel. Und das, obwohl Karajan selbst seine Partei ergriff! Der Maestro hatte den gerade einmal 19-jährigen 1978 als Assistenten akzeptiert und schätzen gelernt, weil sich während der Proben für den Salzburger Osterfestspiel-„Parsifal“ rasch herausstellte, dass der exzellente Pianist seinen Wagner wirklich in- und auswendig kannte.

Dann kam der Auftritt vor der Wettbewerbsjury. Kurt Masur, Hauptredner der Jurymehrheit, wandte sich gegen Thielemann. Der junge Mann hätte ja das Probestück, das „Tristan“-Vorspiel, gar nicht dirigiert, hieß es. Das stimmte, denn Thielemann hatte seine Arbeitszeit genutzt, um an den ersten paar Takten zu arbeiten. Vor den Berliner Philharmonikern hatte er, so schien es, so wenig Ehrfurcht wie vor den hochmögenden Zensoren. Er beharrte auf der Umsetzung seiner ganz speziellen Klangvisionen.

Karajan war fasziniert. Karajan fand das faszinierend. Aber er blieb in der Minderheit. Nur Peter Ruzicka unterstützte den Wettbewerbschef – und hielt dem jungen Mann, der so bemerkenswert stur geblieben war, die Treue. Als Intendant der Hamburgischen Staatsoper holte er den 27-Jährigen für eine Neueinstudierung des „Tristan“. Ab sofort wusste die Fachwelt: Da war ein junger Dirigent, mit dem zu rechnen sein würde. Zürich oder sogar die Wiener Staatsoper hatten das Talent damals bereits für kurze Gastspiele verpflichtet. In Wien galt das Debüt Mozarts „Così fan tutte“, was freilich weithin unbemerkt blieb.

Mozart gilt bis heute nicht als Thielemanns Force, obwohl sich gerade an seinen Klassikerinterpretationen die Geister heftig schieden. Beethoven-Symphonien waren es, die CD-Produzenten auf den eigenwilligen Interpreten aufmerksam machten, der so gegen den Zeitgeist andirigierte, breite Tempi und einen satten, dunkel-schönen, romantischen Klang beschwor.

In Rom hörten die Chefs der Deutschen Grammophon den Jubiläumszyklus, den die Accademia di Santa Cecilia veranstaltete. Thielemann dirigierte alle Beethoven-Symphonien – und erhielt einen Exklusivvertrag.

Furtwänglers Geist. Die journalistischen Wogen gingen hoch, als die Aufnahmen der Fünften und Siebenten Symphonien, die mit dem Londoner Philharmonia Orchestra entstanden, auf den Markt kamen. Immerhin waren seit Otto Klemperers legendärem Zyklus mit diesem Orchester viele Jahre und eine ganze interpretatorische Revolution durch die Originalklangpioniere ins Land gegangen.

Und nun kam der junge Kapellmeister und führte die Spielweise auf Traditionen zurück, die noch vor Klemperers Ära wurzelten. „Gleichermaßen reaktionär wie altbacken“, ätzte die deutsche Kritik. Furtwängler war der meistzitierte Name: Wilhelm Furtwängler, der Romantiker am Dirigentenpult, der Mann der großen Linien, der aufgeputschten Gefühlsklänge, der deutsche Dirigent schlechthin, er war tatsächlich Thielemanns Idol.

Nicht nur seines. Schon ein Daniel Barenboim musste sich, eine halbe Generation früher, gefallen lassen, für seine interpretatorische Nähe zu Furtwänglers Erbe kritisiert zu werden. Nun aber Thielemann, der angeblich so Ultrakonservative, und die unverhohlene Sympathie für jenen Mann, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auch in der Zeit der Hitler-Diktatur war?

Es rumorte auch, als sich Thielemann für den politisch ebenso „belasteten“ Komponisten Hans Pfitzner einsetzte. Gleich seine erste CD galt unter anderem dessen Vorspielen zu „Palestrina“. Die 1917 uraufgeführte Künstleroper mit ihrer dunkel leuchtenden Klangsymbolik hatte es dem Dirigenten seit jeher angetan: Zum Amtsantritt als Generalmusikdirektor von Nürnberg, 1988, setzte er das Werk aufs Programm. In einem Haus, das zwei Jahrzehnte lang als Hochburg der Avantgarde gegolten hatte. Komponisten wie Pfitzner galten „fortschrittlichen“ deutschen Theatermachern jener Zeit als missliebig.

Thielemann dirigierte „Palestrina“ auch in London – bei der britischen Erstaufführung in Covent Garden und dann auch noch im Zuge einer Gastspielreise des Londoner Ensembles in New York. Großes Gezeter mancher Kulturjournalisten, doch auch mäßigende Einwände von Kritikern, die sich wahrlich niemals ein Blatt vor den Mund nahmen. Norman Lebrecht listete damals im „Daily Telegraph“ „zehn gute Gründe“ auf, „sich auf Pfitzners Palestrina einzulassen“.

Die Musiker von Covent Garden selbst waren zum Teil geradezu entzückt: Etwas so Schönes wie die Einleitungstakte zum dritten Akt, meinte einer, hätte er selten zu spielen. Das traumverlorene Klarinettensolo blieb allen im Ohr, die es hören durften.

Das war stets Thielemanns Stärke: Er konnte mit Musik verzaubern, so sehr, dass jeglicher außermusikalische Einwand zum Verstummen gebracht wurde. „Thielemann, ach du liebe Zeit“, ich erinnere mich gut an die abwehrende Geste, mit der Wolfgang Wagner, damals noch unumschränkter Herrscher über die Bayreuther Festspiele, auf die Frage nach einem möglichen Engagement des so heftig umstrittenen Musikers reagierte.

Zwei Jahre später wurde bereits avisiert: Christian Thielemann würde im August 2000 seinen Einstand auf dem Grünen Hügel feiern. Mit einer Wiederaufnahme von Wolfgang Wagners „Meistersinger“-Produktion.

Musik ins deutsche Feuilleton!
Es war ein Triumph, wie man ihn selten erlebt. Als der Dirigent nach fünfeinhalb herrlich musizierten Stunden vor dem Vorhang erschien, erhob sich ein Applausorkan. Und Deutschlands Kritikerpapst, Joachim Kaiser, füllte anderntags sechs lange Zeitungsspalten mit einer analytischen Betrachtung über die kapellmeisterischen Künste – eine Etüde, die Kaisers Kollegen sonst nur zwecks Erläuterung von Regieabsonderlichkeiten vollführen. Der streitbare Mann aus Berlin hatte die Musik ins deutsche Feuilleton zurückdirigiert!

Das war vielleicht seine nachhaltigste Tat. Die schreibende Zunft sah sich plötzlich wieder mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich mit der Musik auseinanderzusetzen. Manch einer mochte – vielleicht mangels Fähigkeit zur Klanganalyse – in trüben kulturpolitischen Gewässern weiterfischen. Generell aber war spätestens nach den Bayreuther Premieren von „Parsifal“ und „Tannhäuser“ (2003) klar, dass hier der führende deutsche Dirigent am Werk war. Für den „Ring des Nibelungen“, der in Bayreuth ab 2007 auf dem Programm stand, bekam man noch schwerer Karten als für alle anderen Festspielproduktionen. Thielemann war unbestreitbar zum Kassenmagneten geworden.

Mittlerweile belächelte man Schlagzeilen, die angesichts der keineswegs einfachen Persönlichkeit des Künstlers auch weiterhin nicht ausblieben. Nürnberg hatte ihn 1992 nach vier Jahren fristlos gefeuert – doch verlor das Theater den Prozess und musste 300.000 Mark Wiedergutmachung bezahlen. Als Generalmusikdirektor in seiner Heimatstadt Berlin ging Thielemann im Zorn davon, wurde wieder geholt und ging wieder ab, als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker hätte ihn das Publikum gern lange Zeit gesehen, doch scheiterte die Vertragsverlängerung an eklatanten Managementfehlern. Das ist keine zwei Jahre her, und sogleich griff die Staatskapelle Dresden zu und angelte sich den Kapellmeister – und damit, wie sich nun zeigt, auch den künftigen Chef der Salzburger Osterfestspiele.

Klangmagie für Salzburg. Was lag näher, als den charismatischen Klangmagier und sein neues Orchester für jenes Festival zu verpflichten, das Thielemanns einstiger Mentor gegründet hatte: Herbert von Karajan hat sich im Salzburger Festspielbezirk seinen Traum verwirklicht, in der Karwoche alle künstlerischen Kräfte für Opern- und Konzertaufführungen zu bündeln, in einer Konzentration, wie sie nur bei einem Festival möglich ist. Seit Karajans Tod hat man sich zur Osterzeit im Festspielbezirk mit Behelfslösungen geplagt. Die Tatsache, dass nur Karajan selbst imstande war, als perfekter Opernkapellmeister ein Nichtopernorchester wie die Berliner Philharmoniker zu gültigen Wagner- oder Verdi-Aufführungen zu führen, war über kurz oder lang nicht mehr zu kaschieren. Nun Thielemann, der gelernte Opernkapellmeister, mit einem Orchester, das sowohl auf den internationalen Konzertpodien als auch als Opernkapelle Weltruhm genießt: Ein großer Interpret ist an einem Gipfel angelangt, hat seinen Weg gemacht, eigensinnig, widerborstig, unbequem für manche Kommentatoren, bewundert aber vom Publikum, das den Traum weiterträumen möchte.

Salzburger Festspiele 2011
Strauss: „Die Frau ohne Schatten“, Konzert Wr. Philharmoniker

Bayreuther Festspiele
Premieren „Fliegender Holländer“ (2012–2014), „Tristan und Isolde“ (ab 2015)

Wien
Staatsoper: „Der Ring des Nibelungen“ (November 2011) Musikverein: Konzerte u. a. Staatskapelle Dresden (7. 9. 2011)

Salzburger Osterfestspiele ab 2013
Premieren: „Parsifal“ (2013), „Arabella“ (2014)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011)

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