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Staatsoper: "Mahagonny ist kein Geschäft geworden"

25.01.2012 | 18:15 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist bisher noch nie im Haus am Ring gespielt worden. Seit der Premiere am Dienstagabend weiß man, warum.

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Du liebes bisschen, wo sind wir denn da hingeraten? Nach Mahagonny? Dort muss ja schon den ersten Besuchern sterbenslangweilig gewesen sein, 1930, in Leipzig. Damals wüteten aber die Braunhemden, die Bert Brecht und Kurt Weill zu unerwünschten Personen erklärten und daher deren Stücke ablehnten. Seither müssen diese als bedeutend gelten. Aber was – jenseits von solchen nur zeitgeschichtlich relevanten Hassaufwallungen – an einem Stück wie „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ je wirklich provokant oder gar aufrüttelnd hätte wirken könnte, das wusste schon vor 20 Jahren Peter Zadek mit seiner Salzburger Festspielinszenierung nicht zu erklären.

Auch die Erstaufführung an der Staatsoper wirkt wie eine späte Entschuldigung für eine geschwänzte Deutschstunde: jene nämlich, die Bert Brecht offenbar versäumt hat, als der Lehrer gerade das Wesen der Dramaturgie erklärte. Anders ist nicht zu erklären, dass er sich dazu verstieg, sein vielleicht in kabarettistischem Rahmen frech-schwungvoll wirkendes „Mahagonny“-Songspiel zu einem dreiaktigen Musikdrama aufblasen zu wollen – unter Einhaltung jenes für ihn charakteristischen Prinzips, das frei nach Julian Schutting lautet: Er hält uns – wie Grillparzer – für blöd, und sagt daher alles dreimal.

 

Die ewig müden Nichtmarxisten

Der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, ist entsprechend hoch, implodiert doch der erste Akt mangels Materials vollständig. Ein paar von Anfang an müde wirkende Menschen gründen eine Stadt, in der man für Geld alles kaufen kann, von dem Brecht glaubte, dass Nichtmarxisten es für Glückseligkeit halten. Als rasantestes Beispiel für die dieserart angeprangerte materialistische Verderbtheit soll vermutlich jene Szene gelten, in der im Hintergrund ein Pianist über das „Gebet einer Jungfrau“ improvisiert, während auf der Bühne alle die Aussicht auf eine graue Hafenindustrieanlage genießen.

Entsprechend ermattet, und auch von der Ankündigung eines Wirbelsturms nicht wirklich beunruhigt, strömt das Publikum in die Pause. Zurückgekehrt erfährt es, dass das Unwetter freundlicherweise an der Stadt vorbeigezogen ist. Gut is 'gangen, nix is g'scheh'n. Warum wir seit eineinhalb Stunden in der Oper sitzen, obwohl überhaupt noch nichts passiert ist, wird nicht verraten.

 

So geht's auch dir, du Zuschauer, du

Den niedlichen Scharaden über die Verderbtheit der westlich-kapitalistischen Weltordnung im Mittelakt folgt zu Beginn des dritten Aufzugs der „Prozess“, wie ihn der klassenkämpferische Maxi sich vorstellt: Der Mörder kann sich freikaufen, der Zechpreller wird, weil er kein Geld hat, gehenkt. Nicht einmal so viel Ungerechtigkeit kann uns empören. Denn Brechts sogenanntes episches Theater zeigt ja, anders als das psychologische moderne Drama, lediglich distanzierte Bilder, von sanft rhythmisierten Liedern untermalt. Womit auch der leiseste Anflug einer Handlung rasch beschwichtigt ist: Der dritte Akt geht weiter, und kein Mensch weiß, warum. Das Stück rinnt so unmerklich aus, wie es zähflüssig hereingeronnen ist. Außer ein paar wackeren Buhrufern, deren Appelle gegen das Regieteam – das für das Stück nichts kann – im freundlichen Schlussapplaus untergehen, wirkt niemand verstört oder gar betroffen. Schon gar nicht von den platten Parolen, die sich in alter Agitpropmanier auch anklagend ans Publikum wenden: So geht's dir auch, du Zuschauer, du.

Wie geht's uns? Die Bilanz weist aus, was epische Theatermacher am wenigsten gern lesen: Wie Regisseur Jérôme Deschamps hätten auch wir nichts zu inszenieren gefunden. Dafür haben wir ein paar erstklassige Sänger erlebt, die ein paar – nicht nur erstklassige – Songs zum Besten gegeben haben, Edelstimmen, die hier in Wahrheit wenig verloren haben. Welch große Arien könnte der herrliche Mezzo der Elisabeth Kulman singen, welche packenden Szenen Angelika Kirchschlager in bedeutenden Stücken gestalten?

Hier singt sie „O Moon of Alabama“ – und bleibt dank der nach oben und hinten offenen Kulissen Olivia Fercionis viel weniger deutlich hörbar als gewohnt. Was der Brecht-Text zum Überleben brauchte, knappe, drastische Artikulation, beherrschen die wenigsten im Ensemble; und Ingo Metzmacher am Pult der derzeit gewohnheitsmäßig in Schönklang schwelgenden Philharmoniker wagt auch nur im zweiten Akt konsequent schärfere Schnitte und knallharten Zugriff. Über vieles pinselt er mit dem Weichzeichner, als wollte er Weills Bemühungen nach Kräften unterstützen, seinen Kabarettstil nicht nur mittels Pseudokontrapunktik, sondern auch mit Klangfinessen musentempeltauglich zu machen.

 

Ein Florestan für arme Leut'

So absolviert denn der exzellent singende Christopher Ventris als zum Tod verurteilter Jim Mahoney im ungewohnten Kontext eine Art Florestan-Arie für arme Leute. Verlorene Liebesmüh das alles, auch Heinz Zedniks verbindende Szenenanweisungen, die mehr oder weniger prägnanten Einwürfe des Chors und gute Einzelleistungen von Ensemblemitgliedern wie Clemens Unterreiner oder Tomasz Konieczny.

Dabei hätte Vanessa Sanino grell-bunte Kostüme beigesteuert, die jede aufmüpfige Protestshow kräftig aufpeppen würden. Aber einen lahmen Ackergaul bringen auch aggressive optische Hilfsmaßnahmen nicht auf Touren. So verpufft viel Energie ungenutzt. Auch die spürbare Lust, die Wiens Orchestermusiker an spritzigen Rhythmen zu haben scheinen. Die ließe sich effektiv nutzen, man könnte ja – apropos Repetitionen – auch Carl Orff aufführen. So viel Oper wie „Mahagonny“ sind die „Carmina burana“ auch. Aber garantiert wirkungsvoller...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)

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9 Kommentare

carl orff also statt brecht, wenns nach der "presse" geht


die braunhemden hätten an wilhelm s. jedenfalls ihre freude gehabt.

Gast: unsinn
02.02.2012 12:31
0 0

Klare Botschaften

Schönklang hin oder her: das Stück formuliert ungewöhnlich direkt und fast penetrant, warum unsere Welt von heute so aussieht wie sie aussieht.

Statt sich mit der Verpackung dieser Botschaften auseinanderzusetzen, wäre es ja auch möglich gewesen, sich als Sprachrohr aufzufassen und die eine oder andere Botschaft weiterzuleiten. Aber nein: Politik ist wichtiger, und wie man dasteht. Ironischerweise wird auch das im Stück thematisiert...

Wenn selbst ein Kritiker mit profunder Sachkenntnis sich hartnäckig diesen einfachen Botschaften verweigert, dann braucht sich keiner mehr zu wundern, warum unsere Welt so aussieht wie sie aussieht.

Immerhin zahlt der Steuerzahler viel Geld dafür, etwas gesagt zu bekommen, und die Medien haben nicht gerade den Auftrag, den Fluß von Botschaften zu unterbinden. Oder wer sonst kann heute überhaupt noch etwas sagen, wenn nicht Künstler und deren Sprachrohre...?

Gast: Pensador
26.01.2012 14:30
2 1

Plattheiten des Kummerer-Altvaters

Was ist überhaupt an diesem Kummerer-Altvater "künstlerisch"?
Plattheiten, wohin immer man schaut.
Das beste Beispiel: "Erst kommt das Fressen, und dann die Moral".
Mag stimmen, jedenfalls stimmte es bei ihm und seinen roten Kumpanen.

Gast: martello
26.01.2012 13:04
2 1

Der "wackere Buh-Rufer"

war vermutlich der Autor des obigen Textes. Aber wenn man schon ein Stück als solches - unabhängig von der Qualität seiner Aufführung - ablehnt, warum geht man dann eigentlich hin?!

Im Übrigen belegt die Beschreibung der Gerichtsszene - die einfach textwidrig ist - dass der Rezensent sie entweder nicht verstanden hat, oder geistig nur noch auf "standby" unterwegs war. Von wegen "freikaufen"...
Gerade diese Szene gehört in ihrer Konstruktion zu den Highlights des Stückes und auch der Aufführung - man muss auch wirklich kein Jurist sein, um diese fast vollständige Pervertierung einer Rechtsordnung nachvollziehen zu können.

Und dass die Frau Kirchschlager ihren Fachwechsel bisher vokal (von der Lucretia mal abgesehen) nicht so richtig auf die Reihe gekriegt hat, darf auch einem Fan auffallen.

mannimmond
26.01.2012 08:43
5 1

Wer kein Geld hat, wird gehenkt -

das ist die Botschaft dieses Agitprop-Machwerks: so böse ist der Kapitalismus!

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl Brecht als auch Weill ausgerechnet in die USA emigriert sind - und nicht etwa in die Sowjetunion.


5 0

silja, mödl, stratas, varnay, stolze, vaclav neumann..

...james levine, günther rennert

so lasen sich mal mahagonny besetzungen aber nicht mit dieseen hascherln

Antworten Gast: Musica
26.01.2012 18:49
0 0

Re: silja, mödl, stratas, varnay, stolze, vaclav neumann..

Vorsicht, sein Tick ist wieder akkut

starshaper
25.01.2012 21:35
6 2

Keine Steuergelder

für die Marxisten-Bühne!

Gast: Musica
25.01.2012 20:30
1 1

Was hätte SIN gesagt,

wenn FWM dirigiert hätte, dann wäre es zum Grosserfolg geworden.
und ob die Carmina wirkungsvoller ist oder einfach ein Schlager, den alle kennen,... ich weiss nicht.

Tatsächlich ist es so, dass das Orchester zu viel Schönklang und zu wenig Biss hatte, das schadet dem Abend. Von Metzmacher hätte ich das erwartet, aber das Orchester muss es auch umsetzen können.

Sinkothek

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