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"André Chénier": Die Revolution in der Staatsoper

29.01.2012 | 16:42 |   (Die Presse)

Johan Botha schwelgt und leidet buchstäblich in den höchsten Tönen. Norma Fantini und Marco di Felice leiden virtuos mit. Die beiden spielen ihre persönlichen Verwirrungen, Ängste und kleinen Triumphe packend aus.

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Revolution. Zumindest ein bisschen Revolution in der Staatsoper. Giordanos „André Chénier“ ist in der Inszenierung Otto Schenks, die Ende der Siebzigerjahre Premiere hatte, gewiss kein umstürzlerisches Musiktheater-Ereignis. Doch bilden die Tableaus von Rolf Glittenberg nach wie vor den passenden Rahmen für ein exzellentes Sängerteam.

Da kann das Revolutionsdrama sich musikalisch entfalten; und, wenn die Sänger auch darstellerisch mithalten wollen und können, durchaus auch szenisch mitreißende Kraft entwickeln. Norma Fantini als Comtesse Madeleine und Marco di Felice als revoltierender Lakai, der aus lauter Liebe zur höhergestellten jungen Dame vergisst, dass die Verhältnisse sich längst geändert haben. Die beiden spielen ihre persönlichen Verwirrungen, Ängste und kleinen Triumphe dank einer nach wie vor funktionierenden inszenatorischen Infrastruktur packend aus.

Die 95. Aufführung einer solchen Produktion kann also nach wie vor funktionieren, was man von späteren Regietheaterversuchen mit Werken, von denen der Laie annehmen würde, sie seien dramaturgisch ähnlich klar gelagerte Fälle, also eigentlich „nicht umzubringen“, nicht behaupten kann.

Also freut man sich auch 2012 noch über die segensreiche Bewahrung mancher Versatzstücke des Repertoires. Vor allem, wenn mitten in den Revolutionswogen Johan Botha wie ein Fels in der Brandung sich auch von höchsten Höhen nicht abschrecken lässt, seine Partie zu singen – und zwar wirklich zu singen. Wie einfach könnte er sich's machen, ein paar Höhen zu schmettern und im Übrigen dem tosenden Orchester unter Pinchas Steinberg die dramatische Erzählung zu überlassen.

Der Fels in der tosenden Brandung

Wie ernst nimmt Botha dagegen seinen Part, präsentiert Stentortöne ebenso wie butterweiche Pianophrasen. Ganz so viel Differenzierungskunst haben Sopran und Bariton nicht zu bieten, aber jedenfalls expressive Momente in ihren großen Arien.

Dazu ein rundum rollendeckendes Ensemble, in dem Zoryana Kushpler aus der sonst unauffälligen Mulattin Bersi beinah eine Hauptrolle zu machen versteht. Warum der Damenchor der Wiener Staatsoper die Pastourelle im Stirnakt nicht sauberer und klangschöner singen kann, wird bei alledem ein Rätsel bleiben – den Schlussapplaus aber gewiss nicht trüben. sin

„André Chénier“: 3. und 6. Februar

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5 Kommentare
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verismo gesang

wer braucht ein umstürzlerisches Musiktheater-Ereignis, hauptsach es wird entsprechend gesungen.

ich erinnere
1960 matacic, tebaldi,corelli,bastianini

1983 chailly, marton,carreras,cappucilli

das ist heute musikgeschichte, herr sin war wohl nicht dabei.

Antworten Gast: Musica
31.01.2012 21:24
0 0

Re: verismo gesang

ist doch schön, wenn man mit Namen um sich werfen kann, im Alter, wo das Langzeitgedächtnis ja so viel besser ist.

Antworten Gast: neugieriger
31.01.2012 14:20
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Re: verismo gesang

korrekt -u. anfang der 80er die zwei Aufführungen mit Carreras u. Caballe

schauerlich dirigiert aber einzigartig gesungen!

Gast: Kurtbayer
30.01.2012 11:01
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Schenksche Revolution

Es ist wie bei allen Schenkschen Inszenierungen: alles ist wunderhübsch, sogar die Revolutionäre und die auf ihre katastrophale soziale Lage aufmerksam machenden, die Aristokratie beim Feieren störenden Demonstranten. Die und die "Bürgerinnen und Bürger" sind fast so gut gekleidet wie die Aristos.
Aber Schwamm drüber: die Sänger- und -innenleistungen sind 1A, allen voran Fantini, di Felice und Botha, dessen Darstellungskraft allerdings eher an einen Wagner-Sänger der alten Schule erinnert. Ein fulminantes Orchester läßt die klägliche Inszenierung vergessen. Hoffentlich gibt es wenigstens nach der 100. Aufführung ein neues Konzept.

Gast: premierenbesucher
30.01.2012 07:30
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Nicht Ende der 70er-Jahre...

Die Premiere dieser Inszenierung fand am 30. April 1981 statt (Santi; Benackova, Domingo, Cappuccilli). Zumindest Daten der Staatsopern-Geschichte könnte man doch genauer recherchieren, oder?

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