Revolution. Zumindest ein bisschen Revolution in der Staatsoper. Giordanos „André Chénier“ ist in der Inszenierung Otto Schenks, die Ende der Siebzigerjahre Premiere hatte, gewiss kein umstürzlerisches Musiktheater-Ereignis. Doch bilden die Tableaus von Rolf Glittenberg nach wie vor den passenden Rahmen für ein exzellentes Sängerteam.
Da kann das Revolutionsdrama sich musikalisch entfalten; und, wenn die Sänger auch darstellerisch mithalten wollen und können, durchaus auch szenisch mitreißende Kraft entwickeln. Norma Fantini als Comtesse Madeleine und Marco di Felice als revoltierender Lakai, der aus lauter Liebe zur höhergestellten jungen Dame vergisst, dass die Verhältnisse sich längst geändert haben. Die beiden spielen ihre persönlichen Verwirrungen, Ängste und kleinen Triumphe dank einer nach wie vor funktionierenden inszenatorischen Infrastruktur packend aus.
Die 95. Aufführung einer solchen Produktion kann also nach wie vor funktionieren, was man von späteren Regietheaterversuchen mit Werken, von denen der Laie annehmen würde, sie seien dramaturgisch ähnlich klar gelagerte Fälle, also eigentlich „nicht umzubringen“, nicht behaupten kann.
Also freut man sich auch 2012 noch über die segensreiche Bewahrung mancher Versatzstücke des Repertoires. Vor allem, wenn mitten in den Revolutionswogen Johan Botha wie ein Fels in der Brandung sich auch von höchsten Höhen nicht abschrecken lässt, seine Partie zu singen – und zwar wirklich zu singen. Wie einfach könnte er sich's machen, ein paar Höhen zu schmettern und im Übrigen dem tosenden Orchester unter Pinchas Steinberg die dramatische Erzählung zu überlassen.
Der Fels in der tosenden Brandung
Wie ernst nimmt Botha dagegen seinen Part, präsentiert Stentortöne ebenso wie butterweiche Pianophrasen. Ganz so viel Differenzierungskunst haben Sopran und Bariton nicht zu bieten, aber jedenfalls expressive Momente in ihren großen Arien.
Dazu ein rundum rollendeckendes Ensemble, in dem Zoryana Kushpler aus der sonst unauffälligen Mulattin Bersi beinah eine Hauptrolle zu machen versteht. Warum der Damenchor der Wiener Staatsoper die Pastourelle im Stirnakt nicht sauberer und klangschöner singen kann, wird bei alledem ein Rätsel bleiben – den Schlussapplaus aber gewiss nicht trüben. sin
„André Chénier“: 3. und 6. Februar

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