Mit Pierre Boulez verbindet man entschieden mehr Schönberg und Strawinsky als Mozart. Aber warum nicht einmal eine Verbindung dieser drei Komponisten mit ihm versuchen? Das geschah bei der heurigen Mozartwoche, die das Motto „Mozart und Aufbruch in die Moderne“ trägt. Das Klavierkonzert und die „Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene“ von Schönberg, kombiniert mit Strawinskys pointierter Pulcinella-Suite und Mozarts erstem Krönungskonzert, dem F-Dur-Klavierkonzert KV 459 – das sollte ein Bukett ergeben, das diesem Anspruch gerecht wird. Noch dazu mit der führenden Mozart- und Schönberg-Interpretin Mitsuko Uchida.
Die japanische Pianistin, Artist in Residence bei dieser Mozartwoche, wurde diesem Ruf gerecht: Locker und gehaltvoll, mit geradezu impressionistischen Farben spielte sie den Solopart des Mozartkonzerts. Bei Schönberg verblüffte sie mit einer Leichtigkeit und Durchsichtigkeit, die ihr hier heutzutage niemand nachmacht. Und das trotz unterschiedlicher Orchesterassistenz. So souverän Boulez die Philharmoniker über die mannigfachen Klippen des Schönberg-Konzerts führte – auch wenn er zuweilen langsamere Tempi als Uchida im Sinn hatte –, so wenig inspiriert, teilweise unpräzise gelang die Orchesterbegleitung bei Mozart. Auch bei Schönbergs Lichtspielmusik und vor allem bei Strawinsky hätte man sich frischeres Spiel gewünscht.
Konturiert-virtuos: András Schiff
Welch kunstvolle Polyphonie in Mozarts Es-Dur-Konzert KV 271 steckt, zeigte András Schiff mit seiner konturiert-virtuosen Lesart des Soloparts dieses Konzerts, bei dem er seine Cappella Andrea Barca vom Flügel aus dirigierte. Noch mehr Flexibilität forderte Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert vom Orchester, das sie meist auch einlöste. Kraftvolle Musizierfreude bestimmte die Interpretation von Schuberts zweiter Symphonie, bei der Schiff das Variationenthema des zweiten Satzes von den Stimmführern vorstellen ließ, erst später das ganze Orchester in das Geschehen einband.
Tief melancholische Stimmung spricht aus Othmar Schoecks originell erdachtem Notturno nach Texten von Nikolaus Lenau und Gottfried Keller ebenso wie aus Schumanns spätem Liederzyklus Opus 90. Christian Gerhaher präsentierte beides mit deklamatorischer Meisterschaft, einfühlsam begleitet vom Minguet Quartett und dem fabelhaften Gerold Huber am Klavier. Weniger Eindruck hinterließ das nach einem spanischen Philosophen benannte Quartett mit seiner sich kaum mehr als routinierten Deutung von Mozarts Klarinettenquintett KV 581. Das konnte auch die Spielfreude des jungen Sebastian Manz nicht ausgleichen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)

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