Wie oft hat Vladimir Fedoseyev mit seinem Tschaikowsky-Symphonieorchester die fünfte Symphonie Tschaikowskys aufgeführt! Aber was einem ein besonderes Anliegen ist, lässt Routine gar nicht erst aufkommen. Das hat man an diesem Abend des Zyklus der Wiener Symphoniker mit Fedoseyev erlebt, der sie bis 2004 geleitet hat.
Schön, dass dieses Orchester seine früheren Musikdirektoren immer wieder einlädt, klug, dass es dabei ihre Vorlieben berücksichtigt. Orchester und Dirigent wirkten schon optisch wie alte Bekannte, die sich mit wenigen Zeichen darüber verständigten, in welche Richtung sich die musikalische Konversation entwickeln soll. So klang die e-Moll-Symphonie auch: spannend vom Beginn an, ein Tempowechsel nach dem anderen – und die Partitur verlangt viele – gelang so selbstverständlich, als gäbe es nur diese eine Lesart. Wobei immer wieder besticht, wie unsentimental russische Interpreten ihren Tschaikowsky zu deuten wissen, ohne dass dies auf Kosten irgendeiner Kantilene geht. Packend war auch Fedoseyevs Tempodramaturgie, mit der er vorweg auf den Finalcharakter dieses Werks hinarbeitete. Blindlings folgten ihm die Symphoniker, zeigten wieder einmal, was in ihnen steckt, wenn man sie entsprechend fordert.
Russisches auch vor der Pause: das zweite der beiden für Mstislaw Rostropowitsch geschriebenen Cellokonzerte von Dmitri Schostakowitsch. Den mehrfachen Wettbewerbssieger Alexander Kniazev als legitimen Nachfolger Rostropowitschs (wie im Programmheft nachzulesen) zu bezeichnen, mag etwas übertrieben scheinen. Doch dass er im besten Sinn die russische Cellistentradition fortsetzt, über eine exzellente Technik verfügt, seinem Instrument auch subtilste Töne zu entlocken versteht, daran ließ er bei seiner Gestaltung des vertrackten Soloparts dieses Konzerts, mit dem er auch sein Konzerthausdebüt feierte, keinen Zweifel. Schostakowitsch begleitete dieses Konzert auch ein – seine betont plakative, weil auch zum 37. Jahrestag der Oktoberrevolution geschriebene Festouvertüre. Ein knalliges Entrée. dob
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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