Ich hätt' sogar schon Morphium genommen, aber der Novak lässt mich nicht verkommen.“ „Ich wünsch' mir zum Geburtstag einen Vorderzahn, denn meinen schlug der Ferdinand mir ein.“ Sie war der Vamp von Favoriten, erzählte vom chaotischen Tortenbacken und nahm in „Eine verzwickte Verwandtschaftsgesellschaft“ die Patchwork-Familie vorweg. Cissy Kraner war das weibliche Pendant zu Bronner, Qualtinger & Co., die rustikale Variante der eleganten, leicht unnahbaren Louise Martini.
Kraner studierte klassischen Gesang und war Soubrette, bevor sie als dralle, blonde Sirene im Kabarett begann, die Lieder schrieb ihr langjähriger Gefährte Hugo Wiener. Die Blüte des Wiener Kabaretts nach 1945 wurde von Machomännern geprägt, Frauen waren die hübsche Garnierung. Kraner wie Martini gelang es mit Schmäh, sich ein wenig über dieses Schema hinwegzusetzen. In Hugo Wiener fand Kraner einen konstruktiven Partner, mit dem sie auch streiten konnte, wie sie erzählte.
Von den heutigen Comedy-Stars, die auf Augenhöhe Beziehungskisten plündern, wie Andrea Händler, Weinzettl & Rudle, Niavarani & Gernot war man damals noch sehr weit entfernt. Auch durchaus zivilisierte Mannsbilder intonierten schon einmal im Rausch „Geh Oide, schau mi net so deppat an“ oder eines der anderen wenig frauenfreundlichen Wienerlieder. Die Political Correctness war noch nicht erfunden. Heute würde ein Mann, der seiner Frau einen Zahn einschlägt, nicht mehr beifällig augenzwinkernd belacht. Cissy Kraner, als Gisela Kraner in Wien geboren, war 20 Jahre alt, als die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten. Wenige Monate nach dem „Anschluss“ ging sie auf Südamerika-Tournee. Dort lernte sie den zarten, witzigen Emigranten Hugo Wiener kennen, der bereits eine fixe Kabarett- und Revuegröße war. In Caracas eröffneten das Paar eine Exilantenbar, wo sie seine Lieder in fünf Sprachen vortrug. 1943 heirateten die beiden und blieben unzertrennlich, bis Wiener 1993 starb.
Einzigartig rauer Sprechgesang
1950 fand Kraner ihre künstlerische Heimat im Wiener Kabarett Simpl. Ihre Lieder, eigentlich eine Art Chansons, wurden zu Ohrwürmern wie Travnicek-Qualtingers „Waun mi des Reisebüro net vermittelt hätt“ oder „Der gschupfte Ferdl“. Hans Weigel rühmte Kraners einzigartige raue Stimme, die auch prächtig zu Brecht-Liedern gepasst hätte.
Aber mit Politik musste man in der Nachkriegszeit vorsichtig sein. Da war das Thema Beziehungen weniger gefahrvoll. Kraner & Wiener, der auch ein souveräner Conférencier war, traten nicht nur in Österreich auf. Sie gingen auf Tournee nach Deutschland, Israel, in die Schweiz. Kraner nahm Schallplatten auf, spielte Theater, im TV, in Filmen. 1994 erschienen ihre Erinnerungen, von Georg Markus aufgezeichnet, unter dem Titel „Aber der Hugo ließ mich nicht verkommen“. (ORF2 zeigt Sonntag, 5. 2., um 9.40h das Kraner-Wiener-Kabarettprogramm „Blick zurück nach vorn“). bp
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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