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Die Oper ist nirgends so frisch und jung wie in Lyon

07.02.2012 | 18:12 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

"Puccini plus". Intendant Serge Dorny demonstriert, was er kann: In seinem Haus liegt der Altersschnitt des Publikums bei unglaublichen 46.

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„Wir haben versucht, für Lyon eine ganz unverwechselbare Handschrift zu finden“, sagt Serge Dorny, Intendant des Opernhauses der französischen Stadt. Gelungen, möchte man ihm entgegnen. Nicht nur die architektonische Erscheinung des von Jean Nouvel kühn umgestalteten Hauses ist singulär. Auch der Spielplan lockt Zuschauer aus aller Welt. Denn in Lyon gibt es allerhand zu entdecken. Für Kenner, aber auch für junges Publikum, das einfach neugierig ist, was so ein hoch subventionierter Kulturbetrieb so alles anstellt.

Diese Neugier zu wecken und am Leben zu erhalten, dient Dorny ein Repertoire-Spagat zwischen Altbekanntem – heuer etwa „Carmen“ oder „Parsifal“, wohliger Hörkost für Belcanto-Freunde –, Bellinis „Romeo und Julia“-Verschnitt, „I Capuleti e i Montecchi“, sowie Raritäten und ganz neuen Stücken.

 

Die Jugend stürmt die Oper

An den Erfolg hat zunächst nur Dorny selbst geglaubt, als er nach Jahren als Assistent von Gerard Mortier in dessen legendärer Brüsseler Ära und Konzertmanager in London nach Lyon kam. Heute weiß die französische Kulturpolitik, was sie an dem belgischen Musiktheater-Vordenker hat: Der Altersschnitt des Publikums im exzellent ausgelasteten Opernhaus beträgt sagenhafte 46 Jahre. Der Zaungast staunt über – höchst aufmerksame – jugendliche Hörer in enormer Zahl.

„Die Jungen“, sagt der Intendant, „sind völlig vorurteilslos. Sie kennen Zemlinskys ,Florentinische Tragödie‘ genauso wenig wie den ,Don Giovanni‘.“ Dorny hält sie bei Laune, indem er immer wieder Neues serviert. Im Spielplan des – in Wien etwa mit dem Theater an der Wien vergleichbaren – Stagione-Hauses wiederholt sich über Jahre hin wenig.

Weshalb es sich sogar für Dornys Kollegen lohnen könnte, Koproduktionen anzubahnen. Der erwähnte Zemlinsky-Einakter ist Teil eines spannenden, eben laufenden Puccini-Projekts. Wer nun nachfragt, was der italienische Melodien-Princeps mit einem Meister aus dem Wiener Fin-de-Siècle-Dunstkreis gemein haben könnte, ist dem Fallensteller-Intendanten schon ins Netz gegangen.

Puccinis „Trittico“, in seiner Gesamtheit an sich schon eine Rarität (in Wien zuletzt vor 30 Jahren auf dem Spielplan), präsentiert man in Lyon nicht nur, wie vom Komponisten gedacht, als Einheit an einem Abend – in einer tauglichen, recht realistischen und auch im Falle der Klosterszenen von „Schwester Angelika“ nur sanft karikierenden Inszenierung von David Pountney.

Man zeigt auch jede der drei Opern einzeln, gekoppelt jeweils mit einem Werk, das beinahe zur nämlichen Zeit entstanden ist, aber der sogenannten „Moderne“ angehört.

Wobei sich mit dieser Konfrontation vieles relativiert. Vor allem der Blick auf Puccini, der in Konfrontation mit avantgardistischeren Klängen durchaus nicht alt aussieht. Die scharf geschliffenen Linien seiner Harmonien und orchestralen Farbspiele machen, man hört es in solchen Zusammenhängen klar, von allen Techniken seiner Zeit Gebrauch. Nur dass dem Meister aus Lucca auch manche Ohrwürmer eingefallen sind, die er auf ebenso kunstvolle Weise klanglich auszustaffieren wusste wie seine – im Ernstfall auch durchaus brutalen – Milieu- und Charakterzeichnungen.

Klug die Konfrontation von Alt- und Ganz-Alt-Florenz, wenn Dantes schlitzohriger Erbschleicher „Gianni Schicchi“ auf Oscar Wildes animalisch-erotischen Psychokrimi trifft, den Zemlinsky mit so üppig schillernder Musik übergossen hat.

Ebenso klug das Aufeinanderprallen von Eifersuchtskomödie und -tragödie: Arnold Schönbergs Versuch, ein Zwanzigerjahre-Zeitstück nicht mittels Jazz-, sondern Zwölftonklängen einzufangen, darf zwar als gescheitert gelten. Doch kann ein raffinierter Regisseur in poppigen Dekors (Johan Engels und Marie-Jeanne Lecca) den schwankenden Grund, auf dem eine solche Posse tanzt, komödiantisch deutlich machen: John Fulljames ist die eigentliche Entdeckung dieser Reise nach Lyon: Der Assistant Director der Londoner Covent Garden Oper entpuppt sich nicht nur bei „Von heute auf morgen“ als ausgezeichneter Theaterhandwerker.

 

Sexualität unterm Kruzifix

Grandios ist seine Inszenierung von Paul Hindemiths „Sancta Susanna“, naheliegenderweise mit Puccinis „Angelica“ verbunden. Das Werk galt als schlichtweg unaufführbar, straft in der packenden Umsetzung aber alle kritischen Stimmen Lügen und zeigt sich als Musterbeispiel für den musikalischen Expressionismus.

Gerade weil man das Stück hier sieht, wie es geschrieben ist – mit all der sexuellen Obsession, die da in ihrer Umwertung geheimer Jugendsünden in religiöse Ekstasen unter einem riesigen Kruzifix ganz ungeschminkt angesprochen und ausgelebt wird. Gelingt es einem Regisseur, wie hier, ein Werk einfach ernst zu nehmen und nicht mit Krampf zusätzlich „neu deuten“ zu wollen, dann kommt einer solchen Aufführung der Stellenwert einer kundig kuratierten Ausstellung bildender Kunst zu.

Wer wird nicht seinen Kirchner loben? Doch Hindemith? Lothar Koenigs demonstriert mit dem engagiert musizierenden Orchester von Lyon, dass der Komponist meisterlich über die später von der Filmbranche ausgeschlachteten kompositorischen Mittel des harmonisch-klanglichen Gruselkabinetts gebietet. Meisterlich, und vor allem: unverkrampft – das ist auch im Widerstreit mit Schönbergs zwanghafter Zwölfton-Rechnerei von Belang.

Wer „Sancta Susanna“, von den Sopranistinnen Agnes Selma Weiland und Magdalena Anna Hofmann geradezu filmreif gestaltet, kennenlernt, der vermag die Verbindung zu den bekannten malenden Zeitgenossen jener Zeit mühelos herzustellen.

Die atemlose Spannung unter den jungen Zuschauern in Nouvels tiefschwarzem Auditorium lehrt: Solche pädagogischen Initiativen, von der unausweichlichen Sogwirkung interpretatorischer Begeisterung getragen, verfehlen ihre Wirkung nicht; und lassen im Zuge dieses verdoppelten Opern-Triptychons auch manchen vielleicht doch nicht so besonders edlen Gesangston vergessen. Der verweht im so stimmigen Ganzen belanglos, denn die junge Sängerbesetzung verschmilzt darstellerisches wie vokales Engagement überzeugend.

Auf einen Blick

Puccinis „Trittico“ steht im Opernhaus von Lyon am 11. und 13. Februar auf dem Programm.

Die Doppel-Abende sind nur noch am 8. (Zemlinsky), 9. (Hindemith) bzw. 10. Februar zu sehen.

Nächste Premieren: „Parsifal“ (Regie: François Girard, 6. März) – „Terre et Cendres“ (Uraufführung der Afghanistan-Oper von Jérôme Combier und Atiq Rahimi: 10. 3.) – Strawinsky: „Rossignol“ (22. 4.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)

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1 Kommentare
Gast: Musica
09.02.2012 15:46
0 0

Lassen sie das nicht die Wiener hören, die denken doch, sie hätten Oper für sich gepachtet


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