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Roberto Alagna als Don Giovanni

09.02.2012 | 18:25 |   (Die Presse)

Der Tenor verwandelte bei seinem Arien-Abend eine kleine Panne in Show – und wechselte zuletzt ganz kurz ins Bariton-Fach.

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Eine Schrecksekunde: Das hohe Cis am Ende der Romanze des Charlot aus François Bazins „Maître Pathelin“ soll als strahlender Ton, aus der Brust gesungen, das Publikum in die Pause schicken. Das geht schief – doch Roberto Alagna reagiert schnell, schaltet auf Falsett um und erhält für seine Geistesgegenwart lauten Applaus. Der genügt ihm freilich nicht. Komödiant, der er ist, bedeutet er seinem treuen Klavierpartner, Pierre Vallett, die Schlusstakte zu wiederholen, singt die Phrase noch einmal – diesmal so, wie sie notiert ist, also nur bis zum A ansteigend und ins strahlende Forte gesteigert.

Jubel.

Daraufhin ein weiteres Encore: Diesmal wieder das Cis, gleich auf Nummer sicher, im Kopfstimmen-Pianissimo.

Orkanartiger Beifall.

Sein Publikum hat Roberto Alagna in der Tasche, wenn er nur erscheint. Gewinnend, stets sprühend und temperamentvoll. Aber auch als Vokalgestalter eine der herausragenden Erscheinungen im heutigen Musikleben. Die Mixtur aus Kopf- und Bruststimme setzt er raffiniert ein, mit besonderem Effekt in älterem Repertoire, wenn er – wie diesmal – die Geschichte der Opéra comique Revue passieren lässt, von den Anfängen bei Gretry bis zu Thomas und seiner „Mignon“.

Stilistisch ließe sich die Großzügigkeit verschliffener Koloraturen gewiss anprangern, doch schafft es Alagna stets, die Situation einer Szene zu vermitteln, die Seelennöte und -freuden der jeweils zu charakterisierenden Figur in Töne umzusetzen. Dafür – und für das prächtig-männliche Timbre seiner Stimme – liebt man ihn.

Im zweiten, italienischen Teil des Abends bleibt der Tenor seiner Überraschungsstrategie treu: „Der Bajazzo“, ja, aber nicht der berühmte Monolog, sondern das ironisch-distanzierte Lied des Harlekin und Raritäten – etwa die Bärenballade aus Wolf-Ferraris „Sly“ zwischen Populärem.

Durchwegs herrscht der Vollblut-Theatergeist – und bei Zandonais Romeo und Giordanos „André Chénier“ fließt die Stimme dann wirklich ölig weich und ohne jede Blessur. Ganz am Ende dann das Ständchen des „Don Giovanni“ so raffiniert phrasiert, wie es auf dieser Bühne wohl seit Cesare Siepi nicht mehr klang. Alagna-Verehrer müssen sich freilich nicht sorgen: Er bleibt uns als Tenor erhalten auch in Wien – demnächst, Direktor Meyer verriet es, etwa neben Elina Garanča in „Carmen“... sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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2 Kommentare
Gast: bonci
10.02.2012 08:16
5 1

tempi passati

Die Stimme hat durch den Fachwechsel an Strahlkraft und Schmelz verloren. Das einstmals schöne timbre ist, wie auch die mit Bruststimme gesungene Acuti, nicht mehr vorhanden. Alagnas Charme scheint die Ohren seiner Fans und - überraschenderweise - auch der Kritiker für diese traurigen Fakten zu verschliessen. Die Arie aus dem Chenier war ein trauriger Offenbarungseid, eines einstigen Hoffnungsträgers.

Gast: merelli
10.02.2012 08:06
5 1

Ein Showman mit enormer Bühnenausstrahlung

so konnte der Tenor offenbar auch das Gehör des Kritiker weitestgehend beeinflussen.
Das Timbre ist nicht mehr wiederzuerkennen, und der Schmelz erst gar nicht mehr vorhanden. Spitzentöne gibt es, wenn überhaupt, nur mehr im Falsett. Beherrscht wird die Kopfstimme. Jedoch die gesamte Arie aus der "Königin von Saba" mit Kopfstimme zu säuseln, ist möglicherweise zirkusreif, aber sicherlich nicht korrekt gesungen. Alagna hat mit seinem zu früh begonnenen Fachwechsel die Schonheit seiner Stimme, samt Schmelz und Acuti, do di petto dargebracht, verloren. Alagna zeigte unvernünftigerweise seine Schwächen und Abnützungserscheinungen, etwa im Chenier, eklatant auf. Aber das Publikum kann dies, oder will dieses Faktum nicht erkennen. In diesem Punkt ist es mit den Kritikern solidarisch.
Qualitätsverlust also beim Künstler und im Publikum!

Sinkothek

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