Eine Schrecksekunde: Das hohe Cis am Ende der Romanze des Charlot aus François Bazins „Maître Pathelin“ soll als strahlender Ton, aus der Brust gesungen, das Publikum in die Pause schicken. Das geht schief – doch Roberto Alagna reagiert schnell, schaltet auf Falsett um und erhält für seine Geistesgegenwart lauten Applaus. Der genügt ihm freilich nicht. Komödiant, der er ist, bedeutet er seinem treuen Klavierpartner, Pierre Vallett, die Schlusstakte zu wiederholen, singt die Phrase noch einmal – diesmal so, wie sie notiert ist, also nur bis zum A ansteigend und ins strahlende Forte gesteigert.
Jubel.
Daraufhin ein weiteres Encore: Diesmal wieder das Cis, gleich auf Nummer sicher, im Kopfstimmen-Pianissimo.
Orkanartiger Beifall.
Sein Publikum hat Roberto Alagna in der Tasche, wenn er nur erscheint. Gewinnend, stets sprühend und temperamentvoll. Aber auch als Vokalgestalter eine der herausragenden Erscheinungen im heutigen Musikleben. Die Mixtur aus Kopf- und Bruststimme setzt er raffiniert ein, mit besonderem Effekt in älterem Repertoire, wenn er – wie diesmal – die Geschichte der Opéra comique Revue passieren lässt, von den Anfängen bei Gretry bis zu Thomas und seiner „Mignon“.
Stilistisch ließe sich die Großzügigkeit verschliffener Koloraturen gewiss anprangern, doch schafft es Alagna stets, die Situation einer Szene zu vermitteln, die Seelennöte und -freuden der jeweils zu charakterisierenden Figur in Töne umzusetzen. Dafür – und für das prächtig-männliche Timbre seiner Stimme – liebt man ihn.
Im zweiten, italienischen Teil des Abends bleibt der Tenor seiner Überraschungsstrategie treu: „Der Bajazzo“, ja, aber nicht der berühmte Monolog, sondern das ironisch-distanzierte Lied des Harlekin und Raritäten – etwa die Bärenballade aus Wolf-Ferraris „Sly“ zwischen Populärem.
Durchwegs herrscht der Vollblut-Theatergeist – und bei Zandonais Romeo und Giordanos „André Chénier“ fließt die Stimme dann wirklich ölig weich und ohne jede Blessur. Ganz am Ende dann das Ständchen des „Don Giovanni“ so raffiniert phrasiert, wie es auf dieser Bühne wohl seit Cesare Siepi nicht mehr klang. Alagna-Verehrer müssen sich freilich nicht sorgen: Er bleibt uns als Tenor erhalten auch in Wien – demnächst, Direktor Meyer verriet es, etwa neben Elina Garanča in „Carmen“... sin
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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