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„Una vera opera“: Paris ahnt Wien im Champs-Élysées

28.02.2012 | 18:12 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Dominique Meyers ehemaliges Haus nahm eine Wiener Mozart-Premiere vorweg: „La clemenza di Tito“ kommt am 17.Mai in die Staatsoper – mit Michael Schade und Elīna Garanča.

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Titus“, Mozarts musikdramatischem Schwanengesang, gilt die letzte Premiere der laufenden Wiener Staatsopern-Saison. Michael Schade wird den Titelhelden singen, Louis Langrée dirigiert und Elīna Garanča debütiert in der Paraderolle des Sextus. In Paris lud man zur musikalischen Generalprobe – die drei Protagonisten hatten beschlossen, eine kleine Tour mit einem konzertanten „Titus“ der Wiener Neuinszenierung vorangehen zu lassen.

Allein, die Garanča wurde Mutter und will nun erst mit den Liederabenden (9. März in Graz, 12.März im Wiener Musikverein) aufs Podium zurückkehren. Also bleibt ihr erster Sextus ein Atout für die Staatsopern-Premiere am 17.Mai.

Ein weiterer Trumpf ist und bleibt natürlich Michael Schades schon bei den Salzburger Festspielen 2003 vorgeformte, nun gereifte Interpretation des „milden Kaisers“. Im Innern des Herrschers brodeln leidenschaftliche Widersprüche zwischen Staatsräson, politischer Klugheit und persönlicher Kränkung. Mozarts Musik macht das auf unvergleichliche Weise hörbar. Michael Schade bringt es kraftvoll und mit vokaler Agilität zum Klingen.

 

In Wien führt Jürgen Flimm Regie

Was er auch vermag: die Rezitative, die nicht von Mozart stammen, weil in der Eile der Reise zur Königskrönung LeopoldsII. nach Prag keine Zeit dafür blieb, durch psychologische Deutung in dramaturgische Trouvaillen zu verwandeln. Textdichter Caterino Mazzola, so bekannte Mozart, hätte Metastasios oft vertonten, barocken Huldigungstext „in eine echte Oper“ verwandelt. Nimmt man die Worte ernst – und das, was zwischen den Zeilen steht –, dann kann man mittels beredter Artikulation und Phrasierung die einfach gestrickten Secco-Rezitative Franz Xaver Süßmayrs mit Bühnenleben erfüllen; und aus „La clemenza di Tito“ wird tatsächlich „una vera opera“.

Für Wien hat Regisseur Jürgen Flimm die Aufgabe übernommen, Schades raffinierte Kunst auch den übrigen Akteuren einzuimpfen. Gelingt das, kann sich Mozarts letzte musikdramatische Tat als das entpuppen, was sie ist: in den orchesterbegleiteten Teilen eine der spannendsten Seelenspiegelungen, die das Genre Oper zu bieten hat.

In der Pariser Aufführung – in Dominique Meyers ehemaligem Théâtre des Champs-Élysées – reüssierten vor allem der couragiert-kernige Annius von Christina Daletska und die phänomenale Servilia von Rosa Feola. Die junge italienische Sopranistin ist eine veritable Entdeckung: Behutsam führt sie ihre samtweiche Stimme durch die lyrisch-innigen Passagen, die Mozart dieser Frauenfigur widmet – und hat Reserven genug, um in ihrer großen Arie im zweiten Akt entschiedene Töne von eminenter Strahlkraft zu entwickeln. Bravourös hielt sich die Britin Alice Coote, die anstelle Garančas die beiden so aparten wie wirkungssicheren Solonummern des Sextus mit viel Espressivo ausstattete und ihren Mezzo dunkel leuchten ließ. Getreulich, wie das Libretto erheischt, kümmerte sich Brindley Sherratt (Publius) um Kaisers Wohl und Mozarts Notentext.

Und die Vitellia? Die Antwort auf die für Wohl und Wehe jeder „Titus“-Aufführung entscheidende Frage wird in Wien Juliane Banse geben. Paris bat mit Malin Hartelius ebenfalls einen lyrischen Sopran um die furiosen Koloraturen und Temperamentsausbrüche der betrogenen Kaiserstochter. Ein Sopran kommt da leicht an seine Grenzen; doch beherrscht Hartelius ihre Stimme gut genug, um diese Grenzen in der Hitze der Gefechte nicht allzu häufig zu überschreiten.

 

Hoffentlich kein Originalklang-Wahn!

Die hektischsten Charakterisierungsmittel überlässt sie dem Orchester, das genug damit zu tun hat. Louis Langrée, der „Titus“ auch in Wien einstudieren wird, arbeitete diesmal mit der Deutschen Kammerphilharmonie aus Bremen – in viel zu kleiner Besetzung für das große Haus, notabene. So bleibt man Mozart, nicht nur was Klangschönheit betrifft, sondern auch in Sachen Volumen und Überwältigungspotenzial allerhand schuldig. Hoffentlich verfällt man in der Wiener Staatsoper nicht demselben Originalklang-Wahn und versucht, dieser in vielem schon in Richtung Beethoven weisenden Partitur mit sechs (!) ersten Geigen gerecht zu werden. Das würde nicht einmal einem Weltklasseorchester gelingen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2012)

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1 Kommentare

Garanca

Richtigstellung an Herrn Sincovicz: Wenn ich richtig gelesen habe, dann meint Herr Dr. Sincovicz, daß Garanca ein Rollendebut von Sesto hat. Das stimmt aber nicht, denn sie hat bereits 2006 einen hinreißenden Sextus an der Seite von Kurt Streit im Theater an der Wien in einer Inszenierung von Christoph Loy mit Carignani am Pult gesungen. Das war ein großes Erlebnis für Aug und Ohr und man kann nur hoffen, daß das in der Staatsoper dann genauso ist. MIt besten Grüßen

Sinkothek