Besinnliches vorab: Kurt Rydl trat vor den Vorhang und fand mit Noblesse den richtigen Tonfall, die folgende Komödie den verstorbenen Kollegen Margarita Lilowa und Heinz Holecek zuzueignen. Direktor Dominique Meyer wies danach darauf hin, dass Jeffrey Tate die Leitung des Abends trotz schwerer Erkrankung übernehmen wollte. Die Vorzeichen standen also keineswegs auf jenen E-Dur-Taumel, den Richard Strauss als Schilderung nächtlicher Liebesabenteuer als Vorspiel komponiert hat.
Überdies ist Tate, der die Vorstellung wacker durchhielt, nicht der Mann, der vom ersten Augenblick an signalisiert, dass hier mit Animo und Schwung Musik gemacht werden soll. Er setzt es voraus – und tut alles, um den Musikern quasi als Orientierungsboje im Meer der Töne zu dienen.
Anders gesagt: Er dirigiert nicht so, wie das Wiener Orchester das bei einem „Leib-Lied“ gewohnt ist, frei, gestaltend, inspirierend. Er schlägt vielmehr den Takt so, dass sich wahrscheinlich auch ein Orchester zurechtfände, das mit dem spezifischen Zungenschlag dieser artifiziellen musikalischen „wienerischen Maskerad'“ nicht vertraut ist. In irgendeinem englischen, amerikanischen oder sogar einem deutschen Opernhaus könnte der „Rosenkavalier“ unter Tate mehr oder weniger reibungslos stattfinden.
Wie der Wiener Walzer entsteht
In Wien findet er reibungslos statt. Aber weil das hierzulande zu wenig ist, finden sich die philharmonischen Musiker rasch bereit, um die klare Zeichengebung herum im richtigen Dialekt zu extemporieren. So wird aus einem Dreivierteltakt dann doch ein Walzer. Das rechte Sentiment stellt sich in den Geigen-Kantilenen ein, wenn auf der Bühne die Melancholie überhandnimmt. Und im dritten Akt sind wir sogar schon so weit, dass ein Klarinettist noch eine Dreiklangskadenz zum ohnehin schon reichen Strauss-Text hinzuimprovisiert – wie auch mitgesummt wird im Orchestergraben, wo das seit Langem gang und gäbe ist.
Im dritten Akt war dann auch die komödiantische Stimmung so weit gediehen, dass sich zwischen der nach der Babypause wieder mit voll erblühter Stimme agierenden Elina Garanča und Kurt Rydls Ochs eine filmreif ausgespielte, aber nie outrierte Souper-Szene ereignet, die für viel Amüsement im randvollen Auditorium sorgt. Rydl spielt den Ochs wirklich mit Haut und Haar, extemporiert sogar ein wenig und singt vor allem ungewohnt dezent, fein differenziert und in jenem Parlando, das Hofmannsthal immer ersehnte, das Strauss mit vielen Piano- und Pianissimo-Vorschriften erheischt, aber doch so selten geboten bekommt.
So wird das Stück zum Kammerspiel. So war's gedacht. So nützt es auch eine Diva wie Nina Stemme bei ihrem Debüt als Marschallin: Die Wagner-Heroine wird Botschafterin leiser, verhaltene Töne. Eine sensible Charakterstudie, der mit Garančas grandiosem Octavian ein verliebter, dann trotziger, dann witzig-verspielter Bub zur Seite steht.
Wenn szenisch alles sitzt
Dazu die wirklich mädchenhafte Sophie von Miah Persson, der Edel-Faninal des Franz Grundheber – in der merklich renovierten, wie geschmiert ablaufenden Schenk-Regie, in der jeder bis zu den Statisten weiß, was er den Autoren schuldig ist. Der Haushofmeister von Benedikt Kobel weiß zum Beispiel sogar, wo der Komponist in der Partitur einen Beistrich vergessen hat, singt Strauss, artikuliert aber Hofmannsthal. Alles in Ordnung im heimatlichen Opernterritorium...
„Der Rosenkavalier“ mit Elina Garanca, Nina Stemme und Kurt Rydl steht noch am 18. und 21.April auf dem Programm.
Elina Garanča singt auch in der kommenden Premiere von Mozarts „La clemenza di Tito“ den Sextus (17.Mai). Kommende Spielzeit gastiert sie als Charlotte in Massenets „Werther“ (April 2013) und als Carmen (Mai).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2012)

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