Belcea: Der Irrwitz der Fuge

Das sublime Kammermusikensemble Belcea gastiert in Wien. Bratschist Chorzelski über Harmonie und Pizzicato.

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Beethoven? Haben wir von Anfang an gespielt. Immer und immer wieder. Man braucht ja auch ein Leben lang, um diesen Berg zu erklimmen. Wahrscheinlich wird man nie ganz fertig damit“, sagt Krzysztof Chorzelski, Bratschist des Belcea Quartets, angesprochen auf den Zyklus, den sein Ensemble Anfang Mai innerhalb weniger Tage im Wiener Konzerthaus präsentiert.

„Zuerst haben wir gedacht, das ist eine völlig verrückte Idee“, sagt Chorzelski, „dann haben wir zugestimmt. Nicht zuletzt, weil der Mozartsaal einer unserer allerliebsten Konzertsäle ist, ein wunderbar intimer, dennoch nicht zu kleiner Saal mit einer tollen Akustik obendrein.“
Das Belcea Quartett wurde 1994 gegründet und wird seit damals von Corina Belcea geführt. Zwei bedeutende Ensembles, das Chilingirian Quartet und das Alban Berg Quartett, standen Pate. Heute gelten die „Belceas“ als eines der führenden Ensembles weltweit. Chorzelski ist beinahe von Anfang an dabei. Zuerst sprang er für den Bratschisten der Truppe nur ein. Aber es ging zu gut, als dass er sich’s noch einmal anders hätte überlegen können. „Wir verstanden uns so gut“, sagt er, „dass wir fast nicht reden mussten, um bei heikelsten Passagen völlige Übereinstimmung zu erzielen. Also, natürlich redet man bei den Proben dann doch ausführlich und lotet in die Tiefe. Aber in Wahrheit muss das Musikmachen doch irgendwie instinktiv funktionieren.“ Es hat funktioniert.

Und das, obwohl es für den Mann an der Bratsche eine große Umstellung bedeutete: „Ich war ja Geiger. Hatte auch schon viel Kammermusik gemacht, auch als Primarius von Streichquartetten. Aber ich war fasziniert von dem unglaublich hohen Standard, auf dem meine Kollegen da musiziert haben. Ich habe da meinen Platz gefunden.“ Auch das Publikum und die Kritik reagieren begeistert auf das hohe Niveau, auf dem das Belcea Quartett Musik macht. Dass irgendwann einmal eine Gesamtaufführung der Beethoven-Quartette ins Haus stehen würde, war also klar. Was die neun Symphonien für Orchester und Dirigenten, sind die 16 Quartette für das Kammermusikrepertoire. Der ewige Prüfstein.

Sportliche Herausforderung. „Wir haben, nachdem wir, wie gesagt, immer Beethoven gespielt hatten, den Zyklus ungefähr vier, fünf Jahre vorgeplant. Aber da lag das Angebot aus Wien noch nicht auf dem Tisch“, erzählt Chorzelski. Irgendwie betrachten die vier das nun auch als sportliche Herausforderung.

Das Wort ist vor allem angesichts der letzten Quartette nicht abwegig. „Da gibt es Dinge, vor allem in den Scherzo-Sätzen“, sagt Chorzelski, „die so gut wie unspielbar sind. An denen arbeitet man endlos. Man will ja so nahe an die Perfektion herankommen wie möglich.“ Nun ist es so weit: Am 2. Mai beginnt eine Folge von sechs Konzerten, in denen „alle 16“ zu hören sein werden. Jeweils einen Tag Pause gönnt das Quartett sich und dem Publikum. Wobei die Werke nicht in chronologischer Reihenfolge gespielt werden. Vielmehr vermittelt jeder Abend einen in sich geschlossenen Überblick über den „ganzen“ Beethoven.
Bei keiner anderen Werkgattung lässt sich so klar von frühen, mittleren und späten Werken sprechen wie hier: Die ersten Stücke der Sechser-Serie op. 18 liegen noch vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die sogenannten Rasumowsky-Quartette, drei Werke op. 59, und die Einzelstücke op. 74 (das wegen seiner durch alle Register gezogenen Pizzicato-Passagen sogenannte „Harfenquartett“) und das trotzige Opus 95, ein f-Moll-„Quartetto serioso“, entstanden im Umfeld der Symphonien 5 bis 8 – und die Werke ab op. 127 stellen Beethovens Vermächtnis dar, entstanden nach der Neunten Symphonie, der „Missa solemnis“ und den letzten Klaviersonaten.
Ein überraschendes Konzept für die Rundung der Gesamtanlage des Zyklus haben sich die Belceas zurechtgelegt. Eines der Quartette, das Opus 130, kommt zweimal, im ersten und im letzten Konzert.

Absturz-Gefahr. Dies deshalb, weil Beethoven gerade in diesem B-Dur-Werk die Grenzen gesprengt hat – für die Zeitgenossen waren die späten Quartette, die ab 1825 die Aufmerksamkeit des Komponisten absorbierten, kaum verständlich. Aber dieses Stück übertraf die kühnsten Erwartungen – sechs Sätze, ohnehin überlang, dann noch von einer irrwitzig dimensionierten Schlussfuge gekrönt. Oder endgültig „gemordet“, wenn man den Zeitzeugen glauben mag. Beethoven nahm die Fuge heraus und publizierte sie als op. 133 gesondert. Diese „große Fuge“ wird den Abschluss des Belcea-Zyklus – am 12. 5.  – im Konzerthaus bilden, denn die Musiker werden, wie es seit den Aufführungs-Serien des LaSalle und des Alban Berg Quartetts üblich war, das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt aufführen. Am Beginn der Reihe steht jedoch – am 2. Mai – jene Version von op. 130, die Beethoven publizieren ließ, mit einem tänzerischen Finale, das nicht einmal halb so lang wie die Fuge dauert; die letzte Komposition, die Beethoven in seinem Leben abschließen konnte. „Dieses Finale“, sagt Chorzelski, „es kommt nach vierzig Minuten und beginnt wie ein Totentanz – man fühlt sich als Musiker ein wenig, als müsste man an einem Abhang balancieren. Jeden Moment kann man in die Tiefe stürzen.“

TIPP

Das Belcea-Quartett ist am 2. 4. 6. 8. 10. und 12. Mai mit Beethoven im Mozartsaal des Konzerthauses zu Gast beim Frühlingsfestival. Ferner gibt es CDs mit Musik von Benjamin Britten, Mozart und Schubert (EMI), www.konzerthaus.at

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