Arnold Schönbergs Violinkonzert ist zwar an die acht Jahrzehnte alt, aber als Anregung zur Erfüllung des Komponistenwunsches, man möge seine „Melodien auf der Straße pfeifen“, wird das Werk wohl nie dienen. Der zynische Zufall der Geschichte wollte es, dass Schönbergs Schüler Alban Berg fast zur selben Zeit ein Violinkonzert in derselben „Zwöfltonmethode“ komponierte – und dem Lehrer zeigte, was damit möglich ist: dramatische, lyrische, empfindsame Musik.
Schönbergs eigene Partitur ist voll von Anweisungen, die suggerieren, hier werde dasselbe versucht. Allein, was immer die Musiker tun, um alle Vorschriften in die Tat umzusetzen: Aus diesen Noten wird keine Musik. Jedenfalls keine, die man „auf der Straße pfeift“.
Mehr als der hoch konzentrierte, ungemein virtuose Dirigentensohn Michael Barenboim auf seiner Geige bewirkt, lässt sich für dieses Werk ja wirklich nicht tun. Er spielt es, als gälte es, die Gefühlsintensität von Tschaikowsky mit der Formstrenge Beethovens zu vereinen. Selbst die vertracktesten Schwierigkeiten bis hin zu Tripel- und Quadrupelgriffen, kontrapunktischen Verwirrungen der Finger, Flageolett-„Koloraturen“ und was man sich an Hexenmeistereien ausdenken kann – die Partitur ist, warum nur?, gespickt damit – exekutiert Michael Barenboim (auswendig!), ohne mit der Wimper zu zucken.
Philharmoniker: Unmögliches wird möglich
Die Philharmoniker lassen sich da nicht lumpen und begegnen dem phänomenalen Engagement des Solisten mit der adäquaten Hingabe. Selbst dort, wo Akkordschläge auf der dritten Note einer Triole auf schlechtem Taktteil gleichzeitig absolviert werden wollen, sind alle so gut wie immer „zusammen“.
Allein das nötigt Respekt ab. Und Michael Barenboim bewies mit Paganini zuletzt, dass er Terzen- und Sextenparallelen auch dort klangschön zu servieren weiß, wo jeder im Publikum gleich hören würde, wenn ihm etwas nicht gelänge. Es gelingt ihm alles . . .
Der „Nachmittag eines Fauns“ nach der Pause – mit einem wunderbaren Legato-Flötensolo von Walter Auer – erwies sich als Vorgeschmack auf die ungewöhnlich strukturelle Klarheit von Daniel Barenboims Debussy-Interpretation, die in einer Wiedergabe von „La Mer“ gipfelte, wie ich sie präziser, liebevoller nach des Komponisten dynamischen und agogischen Vorgaben gestaltet nie gehört habe. Das war tatsächlich eine „Interpretation“, gewachsen aus der genauen Befolgung des Notentextes – Atmosphäre stellt sich dann, das war hier zu lernen, zumindest bei den Philharmonikern in der derzeitigen Spitzenform „von selbst“ ein.
Übertragung in Ö1: 3. Juni, 11.03 Uhr

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