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Debussy grandios. Schönberg grandios gescheitert

24.05.2012 | 16:23 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Musikverein. Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker begleiteten des Dirigenten Sohn, Michael, bei Schönbergs Violinkonzert tapfer – und demonstrierten bei Debussy hernach höchste Interpretationskunst.

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Arnold Schönbergs Violinkonzert ist zwar an die acht Jahrzehnte alt, aber als Anregung zur Erfüllung des Komponistenwunsches, man möge seine „Melodien auf der Straße pfeifen“, wird das Werk wohl nie dienen. Der zynische Zufall der Geschichte wollte es, dass Schönbergs Schüler Alban Berg fast zur selben Zeit ein Violinkonzert in derselben „Zwöfltonmethode“ komponierte – und dem Lehrer zeigte, was damit möglich ist: dramatische, lyrische, empfindsame Musik.

Schönbergs eigene Partitur ist voll von Anweisungen, die suggerieren, hier werde dasselbe versucht. Allein, was immer die Musiker tun, um alle Vorschriften in die Tat umzusetzen: Aus diesen Noten wird keine Musik. Jedenfalls keine, die man „auf der Straße pfeift“.

Mehr als der hoch konzentrierte, ungemein virtuose Dirigentensohn Michael Barenboim auf seiner Geige bewirkt, lässt sich für dieses Werk ja wirklich nicht tun. Er spielt es, als gälte es, die Gefühlsintensität von Tschaikowsky mit der Formstrenge Beethovens zu vereinen. Selbst die vertracktesten Schwierigkeiten bis hin zu Tripel- und Quadrupelgriffen, kontrapunktischen Verwirrungen der Finger, Flageolett-„Koloraturen“ und was man sich an Hexenmeistereien ausdenken kann – die Partitur ist, warum nur?, gespickt damit – exekutiert Michael Barenboim (auswendig!), ohne mit der Wimper zu zucken.

Philharmoniker: Unmögliches wird möglich

Die Philharmoniker lassen sich da nicht lumpen und begegnen dem phänomenalen Engagement des Solisten mit der adäquaten Hingabe. Selbst dort, wo Akkordschläge auf der dritten Note einer Triole auf schlechtem Taktteil gleichzeitig absolviert werden wollen, sind alle so gut wie immer „zusammen“.

Allein das nötigt Respekt ab. Und Michael Barenboim bewies mit Paganini zuletzt, dass er Terzen- und Sextenparallelen auch dort klangschön zu servieren weiß, wo jeder im Publikum gleich hören würde, wenn ihm etwas nicht gelänge. Es gelingt ihm alles . . .

Der „Nachmittag eines Fauns“ nach der Pause – mit einem wunderbaren Legato-Flötensolo von Walter Auer – erwies sich als Vorgeschmack auf die ungewöhnlich strukturelle Klarheit von Daniel Barenboims Debussy-Interpretation, die in einer Wiedergabe von „La Mer“ gipfelte, wie ich sie präziser, liebevoller nach des Komponisten dynamischen und agogischen Vorgaben gestaltet nie gehört habe. Das war tatsächlich eine „Interpretation“, gewachsen aus der genauen Befolgung des Notentextes – Atmosphäre stellt sich dann, das war hier zu lernen, zumindest bei den Philharmonikern in der derzeitigen Spitzenform „von selbst“ ein.

Übertragung in Ö1: 3. Juni, 11.03 Uhr

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5 Kommentare
Gast: p016
30.05.2012 14:02
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Keine Überraschungen

Wer die weit überlegene (insbesondere was die Orchesterleistung angeht) Darbietung durch Hahn, Eötvös und das RSO keines Worts würdigt ist wohl kaum qualifiziert, sich derart über das Werk auszulassen.

Haarsträubend, wie SIN Schönberg jeden Galgenhumor abspricht - als ob einem in der U6 Die Kunst der Fuge oder die Eroica-Durchführung um die Ohren pfeifen würden. Zu den sentimental wiedergekäuten Stereotypen der bereits angesprochen "Vorwarnung" (der brave, im Zeitgeist gefangene Musikhandwerker Leopold Mozart, CPE Bach als teleologisches Trittbrett für Beethoven, Schönberg, der Spröde, ...) und überheblich präsentierten Halb-Fakten (welcher "Originalklang-Fetischist" kennt nicht den Unterschied zwischen dem Klang eines "modernen" Silbermann-Fortepianos und dem eines Cembalos? Und: Wo außerhalb in der historisierenden Aufführungspraxis hört man denn solch "moderne" Fortepianos?) gesellt sich offensichtlich mangelndes Verständnis der "Zwöfltonmethode", die von Komponist zu Komponist, ja von Werk zu Werk kaum vergleichbar ausgeprägt ist.

Gast: kh123
26.05.2012 21:45
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grandios gescheitert

Grandios scheitern tut hier vor allem der Kritiker. Der hatte schon in einer Art Vorwarnung vor der mangelnden Eingängigkeit gewarnt und wohl nix dazugelernt. Im wesentlichen erschöpft sich die Schönberg Kritik in Bewunderung für den Solisten und die geliebten Philharmoniker. Das mag ja bei einer Uraufführung noch angebracht sein, aber dieses Werk ist wie gesagt 80 Jahre alt und ein paar Vergleichsmöglichkeiten gäbe es da schon. WAWE konnte bei Hillary Hahn vor kurzem schon relevanteres berichten, ein Vergleich wäre naheliegend. Und übrigens: ich pfeife Teile aus diesem Konzert durchaus auf der Strasse!

Gast: Doris Perg
26.05.2012 09:16
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Tonkünstler

Ich lese gerne Ihre Kulturberichte, frage mich aber warum die NÖ Tonkünstler und deren Konzerte so negiert werden?

Mit freundlichen Grüßen Doris Perg

Gast: schreker
25.05.2012 16:05
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Ergänzung

Vielleicht darf noch die kleine Ergänzung vorgebracht werden, daß dieses Konzert eigentlich ein sehr interessantes Programm gehabt hätte und von Pierre Boulez dirigiert hätte werden sollen; und daß man nach seiner Absage gar nicht erst versucht hat, einen Ersatz zu finden, der das ursprünglich geplante Programm übernehmen hätte können. Stattdessen stellte man einfach Barenboim hin, der dirigiert zwar ein zu 100% geändertes 08/15-Programm, aber die Karten wurden vom Musikverein trotzdem (mit Verweis auf die AGB) nicht zurückgenommen. AGB hin oder her, lieber Musikverein, aber eine gewisse Form von Gewährleistung muß es doch wohl auch für Konzertveranstaltungen geben?

Antworten Gast: schreker
25.05.2012 16:24
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Re: Ergänzung

Man sollte noch erwähnen, daß es vor etwa einem Jahr, als Thielemann bei geändertem Programm die Luisi-Konzerte mit der Dresdner Staatskapelle übernommen hat, kein Problem war, die Karten zurückzugeben. Offenbar hat man sich damals (zu Recht) gedacht, daß man diese Karten schon wieder verkaufen würde. Bei Barenboim statt Boulez war sich der Musikverein da offenbar nicht so sicher, daher stellt sich erst recht die Frage: Warum hat man sich nicht um einen angemessenen Ersatz bemüht? Schmecks!

Sinkothek