Barenboim: Bruckner wie anno dazumal

12.06.2012 | 16:17 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Im bemerkenswerten Zyklus sämtlicher Symphonien erreichte die Staatskapelle Berlin unter Barenboim mit der „Romantischen“ im Wiener Musikverein, einen (ersten) atemberaubenden Höhepunkt.

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Die Formbeherrschung dieser Wiedergabe von Bruckners Vierter war staunenerregend. Im Nachhinein. Denn währenddessen konnte man sich der Fabuliermacht dieser Musik hingeben wie ein Kind den Erzählungen der Großmutter. In der Gewissheit, aus dem labyrinthischen Dickicht sicher wieder herausgeführt zu werden.

Barenboim haben einstens viele vorgeworfen, er orientiere sich an gestrigen Interpretationsmodellen eines Wilhelm Furtwängler – und es war nicht immer so, dass man ihn leichten Herzens gegen solche Angriffe verteidigen konnte, denn über manche Strecken wirkten die Wiedergaben doch gesucht.

Heute ist Barenboims Bruckner-Bild gefestigt, klingt nicht mehr nach Kopie, sondern nach gewachsener Exegese. Überdies hat die Zusammenarbeit mit seiner Berliner Staatskapelle aus dieser, so wollte es zumindest diesmal den Anschein haben, das beste Orchester der deutschen Hauptstadt gemacht. Wie einst die Philharmoniker unter Karajan, exerziert jetzt die Staatskapelle atemberaubendes Einvernehmen mit ihrem künstlerischen Leiter. Der Klang ist in sich gerundet und vor allem flexibel, um von spontanen interpretatorischen Vorgaben des Maestro modelliert zu werden – ohne dabei die Harmonie des großen Ganzen zu beeinträchtigen.

Aus der Vergessenheit

Unter diesen Auspizien hört man Bruckner endlich wieder als Meister des Musikdramas für den Konzertsaal, voll von aufregenden Abenteuern – so hört man es tatsächlich auf den erhaltenen Livemitschnitten bei Furtwängler (oder Bruno Walter oder Otto Klemperer oder Oswald Kabasta . . .).

Das hat man über den zenbuddhistischen Übungen mancher Bruckner-Verlangsamer der jüngeren Vergangenheit fast vergessen. Schluss mit der missverständlichen Meditationsfälschung, zurück zu jenem Bruckner, der seine Musik mit anschaulichen Programmen zu verdeutlichen wusste, zu einer Musik, die uns anredet, mitreißt, bewegt.

Einen Moment – den berüchtigten Fortissimo-Einsatz der Bässe – gönnt sich Barenboim übrigens wie einst Jochum in Anleihe an althergebrachte Retuschen, der „Gesamtausgabe“ zum Trotz.

Was die Staatskapelle diesmal leistete, war in seiner klanglichen Harmonie berauschend – bis hin zu einem Kontra-C der Tuba, das gar nicht in den Noten steht, aber in makellosem Pianissimo die Legatobindungen, die der Dirigent fordert, in den Beginn der Schlusssteigerung des langsamen Satzes hinüberzog. Dieses Harmoniebedürfnis hatte zuvor schon Mozarts „Krönungskonzert“ zu einem Hörabenteuer werden lassen – auch gegen alle Moden einem höheren Musiziergeist verpflichtet. Aber das wäre ein eigenes Feuilleton. Auf zu Bruckner: Die Serie wird bis zum Wochenende fortgesetzt!

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4 Kommentare
Gast: RPH
18.06.2012 15:11
0

Eine sehr schöne "Romantische" von Bruckner !

Barenboim spielte mit seiner Berliner Staatskapelle eine wunderbare "Romantische" von Bruckner im Goldenen Saal. Sowohl seine Interpretation von Bruckners 4. als auch das Orchester - ich hatte es vorher noch nicht gekannt und war sehr positiv beeindruckt - brachten mir höchsten Musikgenuß und Freude an diesem schönen Abend.

Als Pianist in Mozarts Krönungskonzert war Barenboim sicher sehr ansprechend und bemüht, doch liegt seine wahre Stärke nicht als Klaviersolist - da kenne ich schon einige die das besser spielen - sondern eindeutig als Dirigent. Es war jedoch ein wunderschöner Musikabend den ich wirklich sehr genossen habe.

Gast: Michel Maik 1
14.06.2012 12:40
0

Barenboims Brucknerfest im Musikverein

ist ein künstlerisches Ereignis, wie es diese Stadt wohl selten erlebt hat.

Geradezu überwältigend wird der Brucknersche Kosmos erfahrbar, wenn man die Symphonien als einen in sich geschlossenen Zyklus erlebt.
Man kann dem Musikverein - sonst nicht gerade bekannt für originelle Programmideen - sowie Barenboim und der hinreissenden Staatskapelle Berlin nicht genug danken, dem Wiener Publikum ein solches Erlebnis zu bescheren.
Und ein Detail:
Wie lässig unbekümmert etwa dieses Bürscherl, fast noch grün hinter den Ohren, in der Vierten seine Hornsoli in den Saal gesetzt und der ganzen Symphonie eine Prägung von juveniler
Fröhlichkeit verliehen hat, wie es noch nie zuvor zu hören war, das war schon Weltklasse. Echt cool.
Ich kann den jeweils nächsten Abend kaum erwarten.

Und die Wiener Philharmoniker?
Spielen unterdessen - zu Ballettgehopse im Plantschbecken und Lasershow im Schlosspark - Kraut und Rüben, auf der Jagd nach Masse und Quote und Geld.


Antworten Gast: KH123
15.06.2012 16:23
1

Re: Barenboims Brucknerfest im Musikverein

Naja am Sonntag spielen sie Brahms und Schumann in London

Gast: hofmannsthal
13.06.2012 14:24
0

barenboim

endlich bringt es mal ein Kritikerauf den Punkt!



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