Barenboim: Bruckner wie anno dazumal

Im bemerkenswerten Zyklus sämtlicher Symphonien erreichte die Staatskapelle Berlin unter Barenboim mit der „Romantischen“ im Wiener Musikverein, einen (ersten) atemberaubenden Höhepunkt.

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(c) EPA (DANIEL DAL ZENNARO/POOL)

Die Formbeherrschung dieser Wiedergabe von Bruckners Vierter war staunenerregend. Im Nachhinein. Denn währenddessen konnte man sich der Fabuliermacht dieser Musik hingeben wie ein Kind den Erzählungen der Großmutter. In der Gewissheit, aus dem labyrinthischen Dickicht sicher wieder herausgeführt zu werden.

Barenboim haben einstens viele vorgeworfen, er orientiere sich an gestrigen Interpretationsmodellen eines Wilhelm Furtwängler – und es war nicht immer so, dass man ihn leichten Herzens gegen solche Angriffe verteidigen konnte, denn über manche Strecken wirkten die Wiedergaben doch gesucht.

Heute ist Barenboims Bruckner-Bild gefestigt, klingt nicht mehr nach Kopie, sondern nach gewachsener Exegese. Überdies hat die Zusammenarbeit mit seiner Berliner Staatskapelle aus dieser, so wollte es zumindest diesmal den Anschein haben, das beste Orchester der deutschen Hauptstadt gemacht. Wie einst die Philharmoniker unter Karajan, exerziert jetzt die Staatskapelle atemberaubendes Einvernehmen mit ihrem künstlerischen Leiter. Der Klang ist in sich gerundet und vor allem flexibel, um von spontanen interpretatorischen Vorgaben des Maestro modelliert zu werden – ohne dabei die Harmonie des großen Ganzen zu beeinträchtigen.

Aus der Vergessenheit

Unter diesen Auspizien hört man Bruckner endlich wieder als Meister des Musikdramas für den Konzertsaal, voll von aufregenden Abenteuern – so hört man es tatsächlich auf den erhaltenen Livemitschnitten bei Furtwängler (oder Bruno Walter oder Otto Klemperer oder Oswald Kabasta . . .).

Das hat man über den zenbuddhistischen Übungen mancher Bruckner-Verlangsamer der jüngeren Vergangenheit fast vergessen. Schluss mit der missverständlichen Meditationsfälschung, zurück zu jenem Bruckner, der seine Musik mit anschaulichen Programmen zu verdeutlichen wusste, zu einer Musik, die uns anredet, mitreißt, bewegt.

Einen Moment – den berüchtigten Fortissimo-Einsatz der Bässe – gönnt sich Barenboim übrigens wie einst Jochum in Anleihe an althergebrachte Retuschen, der „Gesamtausgabe“ zum Trotz.

Was die Staatskapelle diesmal leistete, war in seiner klanglichen Harmonie berauschend – bis hin zu einem Kontra-C der Tuba, das gar nicht in den Noten steht, aber in makellosem Pianissimo die Legatobindungen, die der Dirigent fordert, in den Beginn der Schlusssteigerung des langsamen Satzes hinüberzog. Dieses Harmoniebedürfnis hatte zuvor schon Mozarts „Krönungskonzert“ zu einem Hörabenteuer werden lassen – auch gegen alle Moden einem höheren Musiziergeist verpflichtet. Aber das wäre ein eigenes Feuilleton. Auf zu Bruckner: Die Serie wird bis zum Wochenende fortgesetzt!

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