„Des absurden Beschleunigungsdrucks, der kritiklosen Zentrumsgläubigkeit und des aggressiven Mobilitätswahns der heutigen Klassikszene“ sei sie müde, sagt Angelika Kirchschlager – und singt im Juni in acht kleinen Orten in Österreich, etwa Mariahof und Radenthein. Sie begann ihre Reise in Oberschützen, dem mittelburgenländischen Ort an der Schwelle zwischen alpinem und pannonischem Lebensgefühl, ideal für ihr klug konzipiertes Liedprogramm.
Geprägt ist dieses durch spezifisch österreichisches musikalisches Idiom, und das zeigte sich schon in der Aussprache: Kirchschlager singt etwa „So spät durch Nacht und Wind“ statt, wie leider branchenüblich geworden, „so spääät durrrch Nachz und Winz“. Ein Abend ohne überspannte Konsonantenexplosionen, ohne scheinbar „historisch informierten“ deklamatorischen und daher eintönigen Singsang. Nein, Kirchschlager respektiert den natürlichen Fluss der Musik, phrasiert und gestaltet diskret und scheut sich nicht, anrührend beseelt und mit weiblicher Wärme zu singen. Man hörte innige Frömmigkeit („Ave Maria“), glühende Liebespein („Gretchen am Spinnrade“), panische Crescendi („Erlkönig“), abschiedsgetränkte Sehnsucht („Ständchen“, „Lindenbaum“). Bei den Humoresken von Brahms und Mahler kann sie ihr komödiantisch-schelmisches Talent voll ausspielen und erntet damit oft spontane Lacherfolge vom enthusiasmierten Publikum. Robert Lehrbaumer ist ein sensibler, stilkundiger Klavierbegleiter, der mit drei Brahms-Walzern und dem As-Dur-Impromptu von Schubert auch instrumentale Intermezzi beisteuert.
Die CD zur „Liederreise“ ist soeben erschienen, am 5. Oktober kann man im Wiener Konzerthaus nachhören, welch erfrischender, herzerwärmender und gleichzeitig tiefgehender Beitrag zur musikalisch-künstlerischen Erwachsenenbildung mit dieser Tournee gelingt.
Termine: www.liederreise.at
Angelika Kirchschlagers Liederreise durch die Alpen
12.06.2012 | 16:23 | Von Harald Haslmayr (Die Presse)
Die Sängerin Angelika Kirchschlager präsentierte ihr neu durchdachtes, klug konzipiertes Programm in Oberschützen. Geprägt ist dieses durch spezifisch österreichisches musikalisches Idiom. Ein triumphaler Auftakt.
3 Kommentare
Bildungsreise
was für ein toller Liederabend! Fürs Publikum war es auch eine Bildungsreise, weil es die Scheu vor dieser Art der Musik umgehend verlor und bewegend mitging.Übrigens: Oberschützen liegt im Südburgenland und nicht im Mittelburgenland!

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