Konzerthaus: Düstere Traumbilder, gespenstisch fahle Klänge

15.06.2012 | 18:42 |  WALTER WEIDRINGER (Die Presse)

„Quartette international“. Das Artemis Quartett mit Schubert, Dutilleux und Debussy.

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Als Kaleidoskop vielfältig nuancierter Dunkelheit, gestaltenreich, überraschend, reizvoll: So präsentiert sich das 1976 vollendete Streichquartett „Ainsi la nuit“ von Henri Dutilleux. 1916 geboren und somit neun Jahre älter als Pierre Boulez war der bis heute aktive Grandseigneur unter den Komponisten Frankreichs neben dem jüngeren Avantgarde-Heros lange Zeit als Konservativer abgestempelt oder schlicht übersehen worden – ein Irrtum, der gottlob mittlerweile korrigiert ist.

Der Klangreiz, die Dichte der Faktur und die erzählerische Qualität von Dutilleux' Musik ließen nun im Wiener Konzerthaus „Ainsi la nuit“ zum Herzstück des letzten Abends im Zyklus „Quartette international“ werden – in der ebenso sinnlichen wie peniblen Interpretation durch das Artemis Quartett. Ob nun die erste Violine in lichter Höhe flötete, Violoncello und Viola im Einklang elegisch sangen oder die zweite Geige das Signal zu erregten Pizzicato-Attacken gab, stets war die expressive Qualität dieser zarten Gespinste, klingenden Nachtschattengewächse und düsteren Traumbilder spürbar.

Überaus melosbetont, als großes lyrisches Tableau hatte das Konzert mit Schuberts „Rosamunden“-Quartett begonnen: Fein, wie da schon im Stirnsatz die bedeutungsvolle Linie der zweiten Violine herausgearbeitet, das Menuett in gespenstisch fahle Klänge getaucht wurde und auch im tänzerischen Finale die Düsternis überwog. Doch nicht nur in den Variationen des zweiten Satzes vermisste man dabei die Hervorhebung der dramatischen Kontraste: Viel Disparates an Schubert wirkte diesmal wie hinter einem Schleier verborgen.

Gerade in den Mittelsätzen von Debussys Quartett-Solitär aber, dem pittoresken andalusischen Scherzo und dem perlmuttartig schimmernden, an „Pelléas et Mélisande“ gemahnenden Andantino, entpuppte sich eine solche gleichsam indirekte Beleuchtung der Partitur als Atout. Großer Jubel, auch für Satie als Zugabe. Fortsetzung folgt Ende Oktober, wenn das Artemis Quartett neben Schubert und Mendelssohn auch Alberto Ginasteras explosiv pulsierendes zweites Quartett spielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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