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Verdis "Don Carlos" klingt wie in alten Zeiten

17.06.2012 | 18:37 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Mit der letzten Premiere der Saison zieht man Bilanz einer Spielzeit: Ein grandioses Sängerensemble und das Orchester unter Franz Welser-Möst sichern trotz matter Szene musikalische Festtagsqualität.

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Nein, die Inszenierung ist keine Meisterleistung. Man hätte denselben Effekt wohl auch in den alten Bühnenbildern erzielen können. Und doch: Der Escorial ist eine Premiere wert. Was am Samstagabend in der Wiener Staatsoper zu hören war, rechtfertigte jeden äußeren Aufwand. Im Ausklang einer Spielzeit zumal, in der sich die Kräfte des Hauses im Repertoire wiederholt auf exzeptionelle Weise geballt haben.

Daniele Abbados szenische Umsetzung „stört nicht“, diese Ansicht war in der Pause, als bereits enthusiasmiert von Sängerleistungen geschwärmt wurde, vielfach zu hören. Was die Personenführung betrifft, gewinnt man tatsächlich nirgendwo den Eindruck, ein Darsteller sei in seiner Freiheit herumzugehen, zu stehen, die Arme auszubreiten, wo er mag, im Geringsten behindert. Auch das Zusammenspiel funktioniert, wo man willig scheint, Theater zu spielen, mit deutlichem Bezug zum Libretto der gespielten Oper, Verdis „Don Carlos“ in der italienischen vieraktigen Version („Carlo“ ohne s und Fontainebleau-Akt).

Die Bühne schafft mit allerlei artigen Licht- und Schattenspielen in einer der bedrückenden Atmosphäre des Spiels durchaus adäquaten, jeweils mehr oder weniger knapp bemessenen Schachtel die rechte Stimmung – beengt, eingesperrt, aber beengt und eingesperrt von dankbaren Reflektoren für die Stimmen. Selbst dort, wo, anders synchronisiert, der Besuch des Mönchs bei Boris Godunow gespielt werden könnte, schaffen Eric Halfvarson und René Pape packende Momente: Halfvarson, der natürlich auch den Pimen singen könnte, macht hier als Großinquisitor nicht dem Zaren, sondern dem gleich ohnmächtig-mächtigen Philipp II. angst und bange.

 

Musikalische Dringlichkeit

Der dieserart gepeinigte René Pape demonstriert, dass es auf Schöngesang selbst bei Verdi nicht immer ankommt, sondern auf die Intensität, mit der die dramaturgische Botschaft vermittelt wird. Und die vermittelt sein nervös grandioser, grandios nervöser König Philipp auf Punkt, Komma und – wenn auch hie und da sehr ausgiebig gedehnte – Phrase. Es ist die musikalische Dringlichkeit, die das Wiener Publikum in helle Begeisterung versetzte und wohl manch einen an frühere Zeiten denken ließ, in denen man von Aufführungen dieses Zuschnitts zum Opern-Narren gemacht wurde: Wegen solcher Sängerbesetzungen, wegen eines so engagiert und vielfarbig aufspielenden Orchesters und – endlich kann man es wieder schreiben – auch wegen eines zumindest bei den Herrenstimmen wirklich machtvollen Chors, wollte man keine Aufführung versäumen. Denn man erlebt ein Meisterwerk in all seinen psychologischen Verästelungen – aus der Kraft der Musik.

Umgeben von durchwegs mit Animo und Herzblut agierenden Vokalgestaltern, regiert die Königin, Krassimira Stoyanova, die sich mit dieser Premiere wohl endgültig als die Primadonna unserer Tage etabliert hat. Was diesem Sopran an leidenschaftlich erfüllter Tongebung, an meisterhaft modellierter Phrasierung, an leuchtender Entfaltung und, wo es nötig ist, expressiv abgedunkelter Koloristik möglich ist, beschwört Ahnungen längst verloren geglaubter Musiktheater-Vollendung herauf. Ich habe lange keine Elisabeth von Valois so schön, so innig, dabei so bewegend singen gehört.

Dabei kommt dieser Sängerin jeder Ton, sei er auch noch so intensiv empfunden, wie selbstverständlich, wie ein Naturgeschenk über die Lippen. Genauso musizieren die Philharmoniker unter Franz Welser-Möst auch Verdi, als sei das alles immer so gewesen, immer so zu hören, gar nicht anders zu denken. Weit geatmete Bögen und kleinteilig geformte Details in allen Registern – das ist kein Widerspruch, sondern die Realität des genialen Puzzlespiels einer solchen Opernpartitur. Selbst dort, wo die Irritationen der handelnden Figuren von unzähligen kleinen Instrumental-Kommentaren illustriert werden, fehlt nie das Wissen um den Zusammenhang der Bilder im Ganzen des dramatischen Panoramas.

 

Große Oper, auch im kleinsten Detail

Das ist große Oper, vor allem, wenn die Besetzung von so idealem Zuschnitt ist wie diesmal. Ramon Vargas, erstmals in der Titelpartie der italienischen Version: intensiv, bemitleidenswert verloren im Dickicht der Gefühle, zerbrechlich-sensibel und doch zu immensen Steigerungen in den Duetten mit der Geliebten fähig. Simon Keenlyside als Posa: lyrisch-subtil noch im heldischen Aufbäumen gegen das Schicksal. Der Bariton hat Kern, Kraft gewonnen, aber nichts vom edlen Ebenmaß der Linienführung verloren.

Luciana D'Intino ist die Eboli wie ein Gast aus einer Gegend, in der rauere Winde wehen, ein Offroader-Modell von einem Mezzo; und doch: wie diszipliniert geführt, bei aller Kraft der Tongebung, im „Schleierlied“ wie in den pulsierenden Passagen des „Don fatale“; vokale Charakterisierungskunst auch das: Diese Frau beherrscht ihre vulkanösen Emotionen ja letztlich doch.

Kein Wunsch bleibt auch bei den Besetzungen der kleineren Partien vom kaiserlichen Mönch über den Pagen bis zum Herold offen. Eine so makellos schwebende „Stimme vom Himmel“ wie die Valentina Nafornitàs hört man nicht bei allen Ketzerverbrennungen. Eine Premiere, fürwahr, oder jedenfalls ein Déjà-entendu-Erlebnis nach langer Zeit: So aufregend war Oper schon einmal . . .

Auf einen Blick

Don Carlos, in der italienischen Version „Don Carlo“, erlebte seine neunte Neuinszenierung im Haus am Ring seit 1932. Regie: Daniele Abbado. Bühne: Angelo Linzalata.

Unter Franz Welser-Möst singen Krassimira Stoyanova, Luciana D'Intino, Ramon Vargas, Simon Keenlyside, René Pape und Eric Halvarson. Reprisen: 22., 26., 29. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

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27 Kommentare
 
12
Gast: oh wie sin-los
18.06.2012 20:31
3 0

das heißt "Don Carlo"!

Weiß Herr Sinkovicz nicht einmal, dass die italienische Fassung Don Carlo und nicht Don Carlos heißt?
Verstehe echt nicht, dass der hier immer noch schreiben darf. Was weiß er - frei nach Qualtinger - das andere Leute, sprich Redakteure, stört?

Antworten Gast: Aufklauber
19.06.2012 10:04
2 0

Re: das heißt "Don Carlo"!

Der Fairness halber muss man anmerken: im 2. Absatz schlüsselt ers auf; war halt nicht klug, auch in der Überschrift auf dem "Original"-Titel zu bestehen, wenns doch um die ital. Fassung geht...
Aber nichts im Vergleich zu seinem Nachruf auf Fischer-Dieskau, wo er behauptete, DFD hätte in Wien nie Oper gesungen; ein kurzer Blick in die allgemein zugängliche Online-Datenbank der WrStop hätte ihn informieren können...

Gast: john109
18.06.2012 08:28
1 3

Welser-Möst hat keine Ahnung ...

... von Sängern und vom Singen, er lässt das Orchester viel zu laut spielen.

Christa Ludwig

nicht vergessen Christa Ludwig als unvergleichliche Eboli und Giuseppe Zampieri war wesentlich besser als sein Ruf... zB besser als Corelli als Carlos !

In alten Zeiten gab es andere Sänger

oder will Sin das heutige Aufgebot allen ernstes mit Caballè, Bumbry, Cossotto, Verrett, Domingo, Aragall, Carreras, Corelli, Cappuccilli, Bruson, Ghiaurov, Siepi oder Christoff gleichsetzen?
Selbst der damalige Hausitaliener Giuseppe Zampieri war als Carlos besser, als der sich hörbar mühende Ramon Vargas.
Natürlich ist die Sängerbesetzung für heutige Verhältnisse durchaus achtbar - aber mit "alten Zeiten" haltet sie keinem Vergleich positiv stand.

Antworten Gast: WennSchonDennSchon
18.06.2012 22:42
1 1

Und weiter gefragt:

Was ist mit B A S T I A N I N I ???

Antworten Gast: WennSchonDennSchon
18.06.2012 22:40
1 1

Und was ist

mit S I M I O N A T O ???

Antworten Antworten Gast: SchonSchon
20.06.2012 11:17
0 1

ABER

wer waren denn diese Simionato, dieser Bastianini? Die kennt doch niemand mehr angesichts heutiger Ideal-Besetzungen!?

Gast: roncole
18.06.2012 05:59
13 2

Der Generalmusikdirektor ist ein trauriger Opportunist

Die unnötige Schachtelkonstruktion auf der Bühne bedingte hörbare akkustische Nachteile für die Sänger. Es wäre die Pflicht des dirigirerenden Genaralmusikdirektors gewesen, diesen Regieunfug, der die musikalische Widergabe beeinträchtige, abzustellen.
Entweder hat Sin ein Hörproblem wie offenbar die meisten Premierebesucher auch, oder aber er betreibt wieder pure "public realition" für seinen Freund Welser-Möst.

Gast: birdie
17.06.2012 21:57
3 9

Don Carlo

Perfekter kann Oper kaum sein......es war FANTASTISCH !

Antworten Gast: copy
18.06.2012 07:08
9 0

Re: Don Carlo

Das ist aber schön, dass auch so junge Leute wie Sie in die Oper gehen, alle über 30 haben aber schon andere Aufführungen eines Don Carlo gesehen...traurig, wenn man über diese Premiere schreiben kann/muss, dass sie die Beste/Zweitbeste der neuen Ära ist!

Antworten Antworten Gast: Wasenmeister
18.06.2012 20:40
3 2

Re: Re: Don Carlo

Genau das habe ich gemeint: Diese Arroganz gegenüber jemandem, dem es gefallen hat, diese Gier, ihn zu belehren und ihm mit vielen roten Strichen die Freude zu vermiesen, um ihm eine lange Liste von Toten oder Pensionisten unterzureiben. Wem soll denn das nützen? Der Zukunft der Oper vielleicht? Dem Gewinnen neuen Publikums? Am besten, Sie lassen sich in Ihrer Schallplattensammlung eingraben.

PS. Auch ich habe bis auf Christoff alle oben genannten auf der Bühne erlebt und weiß sehr gut, was fast alle von ihnen wert waren.

Gast: Wasenmeister
17.06.2012 20:23
0 2

No, was ist denn?

Sinkovics, Welser-Möst und nicht einmal ein leises Kläffen, ein zaghafter Wadelschnapper in der Dr. Pawlow’schen Tierpension? Geklingelt hat’s! Apportl! Es wird doch nicht die Staupe ausgebrochen sein? Oder, Gott bewahr, sogar Vernunft?

Antworten Gast: Max Meier
18.06.2012 07:30
1 0

Re: No, was ist denn?

Sollte Vernunft eine Krankheit sein, hat es Sie leider noch nicht erwischt.

Antworten Gast: commendatore
18.06.2012 06:45
1 0

Re: No, was ist denn?

was hat dieses .... posting da verloren? gehört eher in die rubrik vet-med

Antworten Gast: Aufklauber
17.06.2012 23:13
2 0

Re: No, was ist denn?

Nein, wir knobelten gerade noch darum, wer den Anfang machen soll, aber da sind Sie uns plötzlich zuvorgekommen.

Der Name des Autors schreibt sich übrigens: SinkovicZ. Mit Z am Ende.

Lässt man Sie noch immer nicht ins Standard-Forum zurück?

Antworten Antworten Gast: Wasenmeister
18.06.2012 07:47
3 2

Re: Re: No, was ist denn?

Jetzt haben Sie mich aber erwischt, und die Dame drunter auch: Ich zerkugle mich soviel gern über die hysterischen Schreihälse und Hyperventilisten. Übrigens eine Riesenhetz: Jetzt liegen dem GMD Publikum und Kritik zu Füßen, also kriegt er sein Fett, weil er eine (übrigens recht brauchbare) Regie nicht verhindert hat.
Und mit „z"'? Ehrlich? Mit dieser musikhistorisch relevanten Korrektur bewerben Sie sich aber hoffentlich um den Siemens-Preis!
Und in den Aufzählungen fehlen Wächter, Hampson, Shicoff und Janowitz. Weil wir ja nicht nur Stimmfetischismus treiben wollen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Aufklauber
18.06.2012 11:06
0 0

Re: Re: Re: No, was ist denn?

Dann haben Sie ja jetzt alles, was sie brauchen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer!

Antworten Gast: Norn
17.06.2012 21:13
3 3

Re: No, was ist denn?

Ach, jetzt hat man Sie um Ihr Vergnügen gebracht? Sie Ärmster!

Die Aufführung war übrigens wirklich mehr als ein Vergnügen, auch die Regie fand ich durchaus gelungn. Keenlyside war schlicht genial! Und das Orchester der Wiener Staatsoper machte seinem Namen alle Ehre.


Don Carlos

Dem ist nichts hinzuzufügen!!!
Es war großartig, wunderschön, ein herrlicher Abend.

Antworten Gast: impresario
18.06.2012 06:18
11 2

offensichtlich leicht zufriedenzustellen

oder aber der "Raubritter" hat die vorhergehenden Inszenierungen der italienischen Fassung des "Don Carlo" nicht gesehen. Mit dem Hören scheint es auch ein bisschen zu hapern, wenn die durch das Singen in der Schachtel entstandenen akkustischen Mängel nicht wahrgenommen wurden. Macht nichts, den Herrn Kritiker hat es auch nicht gestört, hat ja auch Liebling Welser-Möst dirigiert, der diesen Unfug mitzuverantworten hat.

0 6

Re: Don Carlos

Von dieser Oper erwarte ich mir aber ein bisschen mehr, als dass sie "wunderschön" ist. Man muss zwar nicht gleich à la Konwitschny die Ketzer durchs Haus jagen, aber das Autodafé wirkte gestern doch beinahe lächerlich.
Mit Ausnahme von Halfvarson haben jedoch alle Sänger ihre Sache gut gemacht - in Summa war es bis jetzt die beste Premiere in Meyers Amtszeit, was bei den zahlreichen Flops aber nicht viel heißt ...

Antworten Antworten Gast: maestro suggeritore
18.06.2012 06:10
10 4

Re: Re: Don Carlos

Offensichtlich haben Sie "Anna Bolena" nicht gesehen, ansonst könnten Sie diese traurige Produktion nicht als beste Premiere der Ära Meyer bezeichnen.

0 4

Re: Re: Re: Don Carlos

Doch, die hab ich gesehen und bin fast eingeschlafen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: maestro suggeritore
18.06.2012 10:37
4 3

Re: Re: Re: Re: Don Carlos

das läßt vermuten, daß "Barak" von Belcanto gar nichts, und von Stimmen sehr wenig versteht. Ansonst könnte man bei diesem Meisterwerk in einer werkdienlichen Inszenierung mit hervorragenden Sängerinnen kaum schläfrig werden...

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: lalilala
21.06.2012 10:26
3 0

Re: Re: Re: Re: Re: Don Carlos

Brüllende Netrebko als Belcanto-Spezialistin zu nennen ist ein Zeichen wie wenig man von Stimmen versteht.Keine Koloratur sas,die Tempi waren in der Zeitlupe,weil die Stimmattacke zu langsam ist,kein Wort war verständlich,mangelnde Intonation und eine heisere Stimme am Ende der Oper...das soll Belcanto sein? Ja,genau.
Im 21.Jht.in Wien vielleicht,ansonsten nicht.

 
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Sinkothek