Die Gewalt, die das Orchester in dieser Oper entfesselt, hat schon Heerscharen von Sängerinnen akustisch gemeuchelt. Die Herren kommen ja leichten Kaufes davon, Orest darf mehrheitlich in salbungsvoll ruhigen Phrasen schwelgen – wovon in der laufenden Serie Albert Dohmen wohlig Gebrauch macht. Aegisth wiederum hat seinen knappen Auftritt, den Herbert Lippert entsprechend prägnant serviert, bevor er im Hintergrund das Zeitliche segnen muss.
Aber die Sängerin der Elektra muss einen Abend lang entfesselten Klangmassen Paroli bieten. Linda Watson, brünnhildengestählt, versucht sich erstmals in Wien an der mörderischen Partie. Sie reüssiert mit Anstand. Dass der eine oder andere Spitzenton aus dem tonalen Lot zu geraten droht, man verzeiht es angesichts der immensen Anstrengung eher, als dass vom Text rein gar nichts zu verstehen ist.
Das liegt nicht an den Philharmonikern und an Simone Young, die „Elektra“ wirklich im kleinen Finger hat, souverän dirigiert und immer wieder auch nachdrücklich darauf verweist, dass Richard Strauss – öfter als man glauben möchte – zwei bis drei p als dynamische Bezeichnung vorschreibt. Auch gelingen, weil die Dirigentin Sicherheit verströmt, gegen Ende der Erkennungsszene und am Schluss Momente von jener geradezu beschwingt strömenden Kraft, die der Nietzscheaner Strauss wohl unter dem Begriff „dionysisch“ verstand.
Der zügige Dionysos
Auch mit Youngs zügigen Tempi hätte der als Kapellmeister allzeit rasche Komponist seine Freude gehabt. Nicht zuletzt im Vergleich mit den Langsamkeitsorgien, die bei seiner Musik in Mode sind.
Anne Schwanewilms als Chrysothemis klingt jugendlich leuchtend, aber nicht ganz unangestrengt. Und Agnes Baltsa? Sie ist und bleibt ein umwerfendes Bühnentemperament. Sie könnte sogar eine überragende Gestalterin der Klytämnestra sein, hätte sie die Einstudierung mit einem wirklich guten Regisseur gemacht (um ihr die selbstgefälligen Hysteriemätzchen auszutreiben) und einem sensiblen musikalischen Betreuer (gegen ihre völlig unzureichende Artikulation und Lautbildung).
Natürlich wirkt der Auftritt einer solchen Primadonna auch ohne diesen Perfektionsschliff. Aber genügt es einer Agnes Baltsa wirklich, eine derartige Partie ordentlich zu bewältigen, wenn sie das Zeug dazu hätte, in die Reihe der außerordentlichen Interpretinnen gestellt zu werden?
Die kleineren Rollen sind adäquat besetzt, von den Mägden exerzieren Monika Bohinec und Stephanie Houtzeel vor, wie das ist, wenn man kleine Charaktere formt, die ihre Einwürfe gesanglich und auch deutlich artikuliert gestalten. Großer Jubel zuletzt.
„Elektra“: 25. und 28. Juni

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