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„Elektra“: Die Euphorie des Pianissimo

19.06.2012 | 16:43 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Etliche Rollendebüts in der gewaltigsten aller Opern: Wieder ein Beispiel für die unerreichte Kompetenz Wiens in Sachen Richard Strauss. Es dirigiert Simone Young, die „Elektra“ wirklich im kleinen Finger hat.

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Die Gewalt, die das Orchester in dieser Oper entfesselt, hat schon Heerscharen von Sängerinnen akustisch gemeuchelt. Die Herren kommen ja leichten Kaufes davon, Orest darf mehrheitlich in salbungsvoll ruhigen Phrasen schwelgen – wovon in der laufenden Serie Albert Dohmen wohlig Gebrauch macht. Aegisth wiederum hat seinen knappen Auftritt, den Herbert Lippert entsprechend prägnant serviert, bevor er im Hintergrund das Zeitliche segnen muss.

Aber die Sängerin der Elektra muss einen Abend lang entfesselten Klangmassen Paroli bieten. Linda Watson, brünnhildengestählt, versucht sich erstmals in Wien an der mörderischen Partie. Sie reüssiert mit Anstand. Dass der eine oder andere Spitzenton aus dem tonalen Lot zu geraten droht, man verzeiht es angesichts der immensen Anstrengung eher, als dass vom Text rein gar nichts zu verstehen ist.

Das liegt nicht an den Philharmonikern und an Simone Young, die „Elektra“ wirklich im kleinen Finger hat, souverän dirigiert und immer wieder auch nachdrücklich darauf verweist, dass Richard Strauss – öfter als man glauben möchte – zwei bis drei p als dynamische Bezeichnung vorschreibt. Auch gelingen, weil die Dirigentin Sicherheit verströmt, gegen Ende der Erkennungsszene und am Schluss Momente von jener geradezu beschwingt strömenden Kraft, die der Nietzscheaner Strauss wohl unter dem Begriff „dionysisch“ verstand.

Der zügige Dionysos

Auch mit Youngs zügigen Tempi hätte der als Kapellmeister allzeit rasche Komponist seine Freude gehabt. Nicht zuletzt im Vergleich mit den Langsamkeitsorgien, die bei seiner Musik in Mode sind.
Anne Schwanewilms als Chrysothemis klingt jugendlich leuchtend, aber nicht ganz unangestrengt. Und Agnes Baltsa? Sie ist und bleibt ein umwerfendes Bühnentemperament. Sie könnte sogar eine überragende Gestalterin der Klytämnestra sein, hätte sie die Einstudierung mit einem wirklich guten Regisseur gemacht (um ihr die selbstgefälligen Hysteriemätzchen auszutreiben) und einem sensiblen musikalischen Betreuer (gegen ihre völlig unzureichende Artikulation und Lautbildung).

Natürlich wirkt der Auftritt einer solchen Primadonna auch ohne diesen Perfektionsschliff. Aber genügt es einer Agnes Baltsa wirklich, eine derartige Partie ordentlich zu bewältigen, wenn sie das Zeug dazu hätte, in die Reihe der außerordentlichen Interpretinnen gestellt zu werden?
Die kleineren Rollen sind adäquat besetzt, von den Mägden exerzieren Monika Bohinec und Stephanie Houtzeel vor, wie das ist, wenn man kleine Charaktere formt, die ihre Einwürfe gesanglich und auch deutlich artikuliert gestalten. Großer Jubel zuletzt.
„Elektra“: 25. und 28. Juni

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10 Kommentare

gestern 2. vorstellung



machte frau young vorwiegend LÄRM!
den übergang zur "erkennungsszene" schaffte sie und das orchester nicht, die spielten leider was/wie sie dirigierte!

schwanewils - ich habe seit jahren kein strahlenderes "weiberschicksal" gehört und die sopranistin "segelte" auch erfolgreich, dramatisch durch das finale, wie schon wo steht die rolle und nur die ist stets mit der vollen orchesterwucht konfrontiert und das machte frau schwanewilms sehr gut!

Antworten Gast: schreker
22.06.2012 19:40
1 0

Re: gestern 2. vorstellung

Jo, gestern war die Schwanewilms deutlich besser als in der ersten Aufführung. Es waren vielleicht 3 oder 4 hohe Töne etwas unsauber (bei wem nicht?), aber sonst tadellos!

Gast: schreker
20.06.2012 12:22
5 0

Ein Wunder.

Na, da stimme ich Herrn sin ausnahmsweise mal beinahe zu (vor allem betreffend Schwanewilms und Baltsa), und ein paar ärgerlich verwedelte Einsätze von Frau Young überhören wir angesichts einer ansonsten soliden Orchesterleistung großzügig. Ergänzen muß man jedoch, daß Linda Watson um eine Nummer zu klein für die Partie ist. Und außerdem, lieber Herr sin: Die Elektra singt so gut wie nie gegen das volle Orchester an, das muß dagegen die Chrysothemis fast ständig machen. So schauts aus, hören S' doch amal zu.

Gast: Elektra
20.06.2012 10:08
1 0

im kleinen Finger??

Ich bin eigentlich ein Fan von Simone Young, aber ganz ehrlich - wenn sie wirklich Elektra im kleinen Finger hat, warum schaut sie die GANZE Zeit nur in die Partitur? Sogar Franz Welser-Möst, auch ein eifriger Partitur-Leser, schaut ab und zu auf die einzelnen Orchestergruppen oder auf die Bühne.

Gast: walhalla
20.06.2012 07:58
2 1

in der gewaltigsten aller Opern

Ja, ja - diese infernalische Hitze. Da kommt halt bei Sin wieder einmal Wunschdenken vor der Realität. Superlativ, ohne jegliche Begründung.
Es wäre besser gewesen, der Pressekritiker wäre ins Bad gegangen, anstelle die Leser mit seinen Platitüden zu langweilen.

Antworten Gast: schreker
20.06.2012 18:19
3 1

Re: in der gewaltigsten aller Opern

Na tschuldigung? Daß die Elektra die gewaltigste aller Opern ist, muß man ja wohl wirklich nicht begründen? (und das ist jetzt keine Ironie)

2 0

herr sink-o-witz! ich beneide sie. was sie alles gehört haben wollen! wer ist ihr HNO? den möchte ich unbedingt treffen!


Antworten Gast: KarlLoebl
20.06.2012 20:16
0 1

WARUM

wird hier, egal bei welchem Werk, prompt auf "Sin" hingehackt, dafür gäbe es doch viel besser geeignete Ziele? Herrn Tosic etwa oder seine arrogante Ender-Entourage! Wird deren pure Verweigerung jedweder feuilletonistischen Eignung, gepaart mit musikalischer Ignoranz, eher geschätzt als manche Sin-Entgleisung?

KarlLoebl in der presse



ein unerwarteter besuch! es geht ihm also wieder gut......

Antworten Antworten Antworten Gast: KarlLoebl
20.06.2012 22:51
0 0

Wohlan, Giuseppe!

Wie halten Sie es denn mit dem Herrn Tosic etc. ? Bekennen Sie!

Sinkothek