Wenn es einen Tenor mit wechselvoller Wien-Historie gibt, dann ist das Herbert Lippert. Eine Zeitlang schien es, als würde er so etwas wie der Tamino vom Dienst in der Staatsoper – Ioan Holender hielt große Stücke auf den Mann aus Oberösterreich.
Dann kam es zum Krach. Lippert trat in Wien nicht mehr in Erscheinung. Verehrer hat er genug in der Stadt, die wissen, dass man an ihm einen idealen Interpreten für jenes Fach verloren hat, das besonders schwer zu besetzen ist: Lippert beherrscht nämlich auch die Kunst der sogenannten „Leichten Muse“.
In einer Zeit, in der man versuchte, die Vereinigung der Ensembles der beiden staatlichen Opernhäuser nicht nur zu verkünden, wäre er der perfekte Allrounder gewesen, einsetzbar von der „Fledermaus“ bis zur „Arabella“. Es hat nicht sollen sein.
Mit Amtsantritt der neuen Direktion war Lippert im Haus am Ring wieder da. Und wurde nach einer Premiere, die sich für die tenorale Selbstdarstellung nicht wirklich eignet, Hindemiths „Cardillac“, wie ein Manrico gefeiert...
Nun gehört Lippert wieder zum Wiener Sängerstamm und beweist seine Vielseitigkeit: Angesetzt war er heuer unter anderem in Janaceks „Totenhaus“ und als Aegisth in der laufenden „Elektra“-Serie. Eingesprungen ist er vor Kurzem als Erik im „Fliegenden Holländer“; wieder mit stupendem Erfolg. „Dabei“, gesteht er im Gespräch, „war das ein Debüt, ich hatte die Rolle nie gesungen!“
Für Wagner ins kalte Wasser
Und weil es nicht geplant war, sondern wirklich „über Nacht“ passierte, hieß das: ohne Probe nach kurzer Einweisung durch die Inspizientin in eine höchst komplizierte Inszenierung von Christine Mielitz „einzusteigen“.
„In solchen Fällen“, sagt der Tenor, „ist dann der Souffleur wirklich der beste Freund des Sängers. Ehrlich gestanden, ich hatte wenig Zeit, mich um meine Senta zu kümmern...“
Umso akribischer bereitet Herbert Lippert dafür seinen Saisonabschlussauftritt vor, der in der Volksoper stattfindet, einem Haus, in dem er doch immer wieder in Erscheinung tritt. Seine Wien-Abstinenz beendete er ja am Gürtel – mit einem umjubelten Auftritt in der Premiere von Flotows „Martha“, 2007.
Nun bringt er ein auf Gastspielreisen längst erprobtes Operettenprogramm, bei dem ihm philharmonische Freunde und der virtuose Knopferlharmonika-Spezialist Flori Michlbauer begleiten, nach Wien. Das ist hoch an der Zeit, denn die klug zusammengestellte Revue holt nebst Populärem von Lehár oder Kálmán auch Besinnliches und Beschwingtes ans Licht, das in den Jahren zwischen 1938 und 1945 hierzulande nicht gespielt werden durfte und danach nicht mehr der „Verdrängung“ entrissen wurde.
Edmund Eysler, Oscar Straus, Leo Ascher sind die Namen der Unterhaltungs-Profis, deren beste Nummern Lippert in der Notensammlung eines Wiener Freundes fand. Einer der begleitenden Musikanten, Leo Eröd – Bruder des Baritons – ist wie der Vater auch Komponist und hat für den Volksopern-Abend eigene Überleitungen arrangiert. „Wir wollten einmal etwas Neues probieren und schaffen Zusammenhänge, rein musikalisch, ohne Moderation.“
Volksoper, 30. Juni: Glückseligkeit – unsterbliche Operette. „Herbert Lippert seine und philharmonischen Freunde“ (19 Uhr).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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