Es war ein Heimspiel für Elisabeth Kulman, gebürtig in Oberpullendorf, und schon seit Monaten war der Franz-Liszt-Konzertsaal in Raiding ausverkauft. Dem Motto des frühsommerlichen Festivals – „Russische Seele“ – entsprechend, präsentierte Kulman ihr Projekt „Mussorgsky dis-covered“ und fand in Tscho Thessing (Violine), Arkady Shikopler (Horn), Antoni Donchev (Klavier) und Georg Breinschmid (Kontrabass) exzellente, spontan aufspielende Begleiter.
Sechs Lieder von Mussorgsky erklangen also in neuer Bearbeitung, eingeleitet und verbunden durch Instrumentalsätze, bei denen Kulman, meist mitswingend, auf der Bühne verblieb. Selten sieht man bei einem Liederabend die Sängerin in einem sexy Minirock im Stil von „Russia's Next Top Model“, und bald war also klar, dass es sich um keine Musikveranstaltung „klassischen“ Zuschnitts handeln konnte. Eher wähnte man sich in einem Untergrund-Jazzclub im Leningrad der späten 80er-Jahre, was freilich wenig mit der Atmosphäre des Raidinger Konzertsaals harmonierte, der ja an eine finnische Riesensauna erinnert.
Unnötige elektronische Verstärkung
Des russischen Idioms souverän mächtig, ließ Kulman alle Facetten ihres prachtvollen, sinnlich timbrierten Mezzos leuchten, regenbogenweit schwingende Kantilenen gelingen ihr so mühelos wie dramatische Attacken und phänomenal präzise Tanzgesten. Dazu kommen starke Bühnenpräsenz, diskursives Temperament, weibliche Ausstrahlung sowie schauspielerische Prägnanz. Wie das bereits in der Pause gedämpft protestierende Publikum musste man sich also fragen, warum Kulmans Stimme an diesem zweistündigen Abend nur maximal eine halbe Stunde lang erklang, und erinnerte sich während so manch quälend langer Instrumentalpassage an Peter Handkes Diktum: „Mikrofon, Mörder jeder Frohbotschaft!“. Als extrem kontraproduktiv erwies sich nämlich die unnötige elektronische Verstärkung, die aus dem Abend einen eintönigen, aseptischen Soundbrei machte. Darüber hinaus konnte man im abgedunkelten Auditorium den russischen Text unmöglich mitlesen und verstand daher nicht ein Wort, was auf die Dauer ermüdet.
Theissings Arrangements sind zweifellos raffiniert, doch teilen sie das Schicksal etwa von Hans Zenders Orchestrierung von Schuberts „Winterreise“ – will man flüchtig intime Zwischentöne orchestral verdeutlichend auffächern, sind diese eben weg! Der spezifische Charakter der Mussorgsky-Lieder, einst von Boris Christoff oder Nikolai Ghiaurov mit Klavierbegleitung markerschütternd drastisch gemeißelt, löste sich an diesem Abend leider in Luft auf; was nun die russische Seele sei, erfuhr man maximal in Ansätzen. Trotzdem Jubel im Publikum, durchmischt von ratlosen Gesichtern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

Linda McCartneys FotosRetrospektive der Chronistin der Sixties
GekürtDie besten Fernsehserien
Lucky LukeWilder Westen im Karikaturmuseum Krems