Volles Risiko für Beethoven, Strauss und Ravel

15.11.2012 | 20:30 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

Musikverein: Die Wiener Symphoniker unter ihrem Ehrendirigenten Georges Prêtre spielten Beethovens Vierte, eine Suite aus dem „Rosenkavalier“ sowie „La valse“: Tänze am Rand des Abgrunds.

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Stählerne Nerven sind manchmal nötig, wenn Georges Prêtre am Pult steht: für die Musiker auf jeden Fall und manchmal auch fürs Publikum. Die einzige erlaubte Routine wäre, das Ungewisse zu erwarten – und selbst dieses tritt nicht stets mit Selbstverständlichkeit ein. Denn der mittlerweile 88-jährige Maestro ist nach wie vor ein weitgehend unberechenbarer Ekstatiker. Mit durchwegs enormer Körperspannung, aber oft minimalem Bewegungsaufwand, ja manchmal ganz ohne Gestik modelliert Prêtre den Klang, lässt ihn schlicht entstehen – um an anderer Stelle wieder, etwa im Finale von Beethovens Vierter, besonders kräftige Impulse zu geben, die die dramatische Schroffheit inmitten dieses heiteren Kehraus unmissverständlich hervorheben. Mit herkömmlichem Dirigieren hat das oft nur mehr wenig zu tun – gerade deshalb ist Prêtre ein Dirigent par excellence. Die Spannung, die aus der kollektiven Suche der Musiker danach entsteht, wo denn ungefähr im Takt nun die Zwei, wo die Drei anzusteuern wäre, scheint im Idealfall die Musik aller metrisch-mechanischen Zwänge zu entheben.

Bewundernswerte Stimmführer

Wie viel Freiheit möglich, wie viel Sicherheit nötig ist, ließ sich gerade bei Beethovens Vierter studieren – bei der freilich auch klar wurde, dass Prêtre viel Detailarbeit investiert hatte. Das in der Durchführung des Stirnsatzes auftauchende Thema mit der charakteristischen Vorschlagsnote, an der sich die Interpretationsgeister scheiden, wie sehnsuchtsvoll geschmeidig tönt es, wenn der Vorschlag emphatisch lang ausgeführt wird! Das ruppige Scherzo-Motiv erhält durch die überraschende Dämpfung der Takte drei und vier schon den dialogischen Charakter von Frage und Antwort. Und wenn im Adagio ausnehmend schöne Flötentöne und kaum minder betörende Klarinettenkantilenen zu hören sind, versöhnt das mit kleinen Unsauberkeiten. Das Risiko, das Prêtre anstrebt, ist nämlich beträchtlich – doch die bewunderungswürdigen Stimmführer der Symphoniker schaffen es, ein geordnetes Zusammenspiel nicht ganz aus Ohr und Auge zu verlieren.

Denn manchmal grenzt Prêtres improvisatorische Grandezza an bewusste Irritation. Die Einleitung zum „Rosenkavalier“ so deklamierend frei zu hören, ohne stürmischen Impetus, in agogischer Breite genießerisch, aber auch gefährlich wankend ausgewalzt: Das ließe in der Oper Schlimmes befürchten. In der Konzertsuite steigerte es sich zum hinreißenden Walzertumult, der den bedrängten Ochs im dritten Akt umtost. Und dass der in eine Katastrophe mündende Endzeittanz, den Maurice Ravel in „La valse“ verwirklicht hat, den Untertitel eines „Poème choréographique“ trägt, hätte allein Prêtres Gestik legitimiert. Nicht durchwegs subtilste, aber auf eigene Art packende Lesarten, die stürmischen Applaus ernteten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2012)

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