Karg: Liedgesang heißt Geschichten erzählen

Die Sopranistin begeistert im Konzerthaus. Durchwachsen hingegen der Liederabend von Valentina Naforniţa im Musikverein.

Karg Liedgesang heisst Geschichten
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Karg Liedgesang heisst Geschichten
Christiane Karg – (c) EPA (Neumayr/MMV)

Die Startbedingungen waren ja durchaus vergleichbar: Zwei junge Sopranistinnen, beide Wiens Publikum von der Opernbühne bekannt – Valentina Naforniţa als Ensemblemitglied der Staatsoper, Christiane Karg als umjubelte Telaire aus Rameaus „Castor et Pollux“ im Theater an der Wien –, geben mit Liederabenden eine Probe ihres Gestaltungsvermögens. Doch die Resultate waren – Entschuldigung, einen Euro in die Floskelkassa – wie Tag und Nacht.

Nehmen wir bei Naforniţa einmal den günstigsten Fall an: dass ihr niemand sagte, dass sie nicht in der Staatsoper, sondern im Gläsernen Saal des Musikvereins singt. Toll, wenn jemand ein Stimmvolumen mitbringt, das auf großer Bühne durchdringt. Weniger toll, wenn dieses Volumen den Gegebenheiten eines viel kleineren Raums nicht angepasst wird. Für den „Gläsernen“ erwies sich Lautstärke nur als halbe Saalmiete, wenn überhaupt. Denn eine differenzierte dynamische oder gar farbliche Gestaltung blieb die Sängerin weitgehend schuldig, ob bei Rachmaninow, Tschaikowsky oder Dvořáks „Zigeunermelodien“. Auch Textdeutlichkeit war leider kein Thema. Fauré und Liszt ließ Naforniţa im zweiten Teil des Abends dann doch ein paar behutsamere Töne angedeihen. Kristin Okerlund am Klavier focht derweil ihren eigenen Kampf mit einem offenbar miserabel eingestellten Flügel, dessen Töne, kaum angeschlagen, schon wieder verhungerten.

 

Goldener Klavierteppich für den Sopran

Der fabelhaft expressive Gerold Huber hatte da am Samstag im Mozartsaal des Konzerthauses schon ein ganz anderes Arbeitsgerät zur Verfügung – und nutzte es weidlich, um Christiane Karg einen goldenen Klavierteppich auszulegen, auf den die Konditorstochter ihre süßen und bitteren Melodien von Schubert, Brahms, Wolf oder Strauss betten konnte. Karg ließ von der ersten Liedminiatur an, Schuberts „Das Mädchen“, spüren, worum es beim Liedgesang primär geht: ums Erzählen von Geschichten. Und sie ist eine begnadete Erzählerin, die auch oft Gehörtem wie dem „Gretchen am Spinnrad“ Hochspannung einhauchen kann. Farblich fein nuanciert taucht ihr wendiger Sopran den Hörer sanft, aber bestimmt in die Gefühlswelten ihres Programmes „Femmes – Frauenfiguren“, das auch noch äußerst klug konzipiert war. Etwa mit der spannenden Gegenüberstellung der atmosphärisch so unterschiedlich geratenen Ophelia-Lieder von Brahms und Richard Strauss, denen sie als dramatische Coda Saint-Saëns' „Tod der Ophelia“ beigab. Bitte bald mehr davon! hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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