Alle zehn vollendeten Symphonien Gustav Mahlers, flankiert von seinen Liederzyklen, gespielt von der Staatskapelle Berlin, brüderlich unter den Dirigenten Daniel Barenboim und Pierre Boulez geteilt: ein 2007 in Berlin bejubeltes Großprojekt, das im Wiener Musikverein in dieser Saison in zwei Teilen wiederholt wird – dieser Tage und im Frühling 2009.
Die Erwartungen waren entsprechend hoch – zu hoch für die am Eröffnungsabend klar unter Form agierende Staatskapelle, die mental noch nicht so recht im Goldenen Saal angekommen schien. In Barenboims etwas unvermittelt zwischen ruhigen, genau tarierten Übergängen und seltsam hektischen Infusionen wechselnde Sicht der Ersten Symphonie hatten sich Unsauberkeiten eingeschlichen, über die seine titanenhafte Gestik nicht hinwegtäuschen konnte: Mahler, noch unfertig und al fresco.
Die Vierte in G-Dur: Modern interpretiert
Unverkennbares interpretatorisches Profil zeichnete dagegen tags darauf die zu Unrecht oft etwas im Schatten ihrer monumentalen Schwesterwerke stehende Vierte in G-Dur aus, die Boulez mit klarsichtiger Genauigkeit ausleuchtete: eben nicht als letzte der ach so romantischen „Wunderhorn“-Symphonien mit ihren wehmütigen Referenzen an eine als heil erträumte Vergangenheit, sondern ganz entschieden als erste der prononciert „modernen“ Stücke Mahlers, in denen die Motivik längst zu bröckeln beginnt, die Heterogenität der Themen und Inhalte schier unüberwindliche Abgründe aufreißt, über die dann, zumindest in diesem einen Falle, doch noch gläsern-leichte Stege hinwegführen können.
Eine getrost als radikal zu wertende Lesart, die schon nach wenigen Takten zur ersten dramatischen Sollbruchstelle führte: Wenn nämlich das behaglich-verspielte Geklingel von Schellen und Flöten das Anfangstempo beibehält, während Klarinette und erste Violinen plötzlich stark abbremsen, dann hebelt diese komponierte Diskrepanz kurzerhand den metrischen Zusammenhalt aus – und tut eine erschreckende Kluft auf, die Mahler freilich, als wäre das gar nichts, mit dem Augenzwinkern eines graziösen Glissando überbrückt.
Freund Hein spielt die dämonische Fiedel
Was andere Interpreten gerne gnädig kaschieren, holte Boulez unerbittlich, aber gleichzeitig auch ohne Übertreibung, ans Licht – nur ein Beispiel für seine penible Befolgung der Partiturvorschriften, wobei gerade aus Mahlers dynamischen Bezeichnungen manch frappierender Effekt erwuchs. Elemente klassizistischen Ebenmaßes rückten dabei deutlich in den Hintergrund zugunsten harter Kontraste, dem Aufeinanderprallen thematischer Fetzen und gespenstischer Schemen – nicht bloß im zweiten Satz, in dem „Freund Hein“ mit seiner dämonischen Fiedel aufspielt.
Die Staatskapelle Berlin erwies sich da als ebenso präzis wie sonor agierender Klangkörper, der im fließend innigen, aber selbstverständlich völlig unsentimentalen dritten Satz zu besonders schönen Ergebnissen fand – wenn auch gerade am Höhepunkt eine kleine Konzentrationsschwäche in Form eines verfrühten Einsatzes hörbar wurde. Einzig die amerikanische Sitzordnung mit den zweiten Geigen links mochte man bei Pierre Boulez bedauern, während Daniel Barenboim das komponierte Wechselspiel der Violingruppen zu beiden Seiten des Dirigentenpults intakt ließ – mit schönen Erfolgen.
Nicht ungetrübt: „Himmlische Freuden“
Kein ungetrübtes Glück auch bei den Solisten: Als Künderin der „himmlischen Freuden“ im Finale der Vierten ließ Dorothea Röschmann mehr fühlen als hören, welch lyrisch-zarte Phrasen sie im Sinn hatte, während sie bei den einleitenden „Wunderhorn“-Liedern mit Boulez nicht perfekt zusammenfand und ihr trotz fleischiger Mezzo-Färbung in der Tiefe das entsprechende Volumen fehlte.
Unter Barenboim hatte sich der große Thomas Quasthoff als eindrucksvoller, in den für ihn unangenehm hoch liegenden Phrasen freilich nicht völlig unanfechtbarer Interpret der „Kindertotenlieder“ erwiesen: Mahler mit Potenzial zur Steigerung.
Die nächsten Termine: Sa, 19.30h: 2. Symphonie (Röschmann, Petra Lang, Wiener Singverein – Boulez); So, 11Uhr: Rückert-Lieder und 5. Symphonie (Quasthoff – Barenboim); Fortsetzung vom 27.4. bis 3.5.: 6., 8. (Boulez); 7., 9. Symphonie und „Lied von der Erde“ (Barenboim).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)
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