Nicht an Premieren, sondern am Repertoirebetrieb zeigt sich der Standard eines Opernhauses. Im Konzertbetrieb ist es nicht anders: Nicht das Festival soll Maßstab sein, sondern der Alltag. Den gesamten Mahler-Zyklus während einer Saison anzubieten (und in die Abonnements zu integrieren), das muss der Gesellschaft der Musikfreunde erst jemand nachmachen!
Ehe der Zyklus am Wochenende mit den Symphonien 9 und 10 und dem „Lied von der Erde“ in die Zielgerade geht, stand die Achte, die gewiss problematischste seiner Symphonien auf dem Programm. Mahler sah sie als „das Größte, was ich bisher gemacht“, Adorno war sie ein Missverständnis, weil sie Kunst und Religion verwische. Tatsächlich wollte Mahler alle Erfahrungen als Symphoniker, aber auch seine umfassende Weltsicht in ihr zusammenführen. So stellen vor allem die stetig wechselnden Episoden, die unterschiedlichen Atmosphären, aber auch das Zusammenhalten des gewaltigen Solisten-, Chor- und Orchesterapparats dieser „Symphonie der Tausend“ den Interpreten vor besondere Herausforderungen. Soll man wie Bernstein das Emphatische des Sujets betonen? Wie Solti die rhythmischen Kanten schärfen?
Kräftiger Pfingsthymnus
Boulez setzt auf ein anderes Konzept. Er wählt frische, zügige Tempi, disponiert weitflächig, betont so die Struktur und erreicht eine Spannung, die im Finale ganz natürlich kulminiert. Kräftig ließ er beim einleitenden Pfingsthymnus, laut Mahler Symbol des „Ewigmännlichen“, die fabelhaften Choristen – den Slowakischen Philharmonischen Chor, die Wiener Sängerknaben und den Singverein –, die qualitätvollen Solisten Ricarda Merbeth, Camilla Nylund, Michelle DeYoung, Jane Henschel, Robert Dean Smith, Hanno Müller-Brachmann und Robert Holl (dazu im zweiten Teil Adriane Queiroz als Mater gloriosa) und die Staatskapelle Berlin – mit hohem Niveau im Tutti wie in den Soli – auftrumpfen, um sie mit souverän ordnender Hand in die Mystik des „Faust“-Finales, die Welt des „Ewigweiblichen“, zu führen. Überlegter lässt sich der große Bogen dieses Werks kaum spannen. Auch, weil keine Spur von kalkulierter Emotion die Darstellung trübte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2009)

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