Staatsoper: Nur Otto pfeift auf Walhall

03.05.2009 | 12:17 |  Von Wilhelm Sinkovicz (DiePresse.com)

Wagners „Rheingold“, musikalisch fulminant unter Franz Welser-Möst, wurde zum Triumph für den Adrian Eröd, den Bariton in der Tenor-Partie des Loge, der in Sven Eric Bechtolfs Regie wie in einem Ostfriesen-Kabarett über die Bühne wirbelt.

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Die letzte Station des neuen Wiener „Rings des Nibelungen" geriet dank einer durch und durch stimmigen Sängerbesetzung und der ebenso makellosen wie leidenschaftlich gesteigerten Orchesterleistung zum musikalischen Triumph. Ein paar Buhrufe mischten sich zuletzt in den orkanartigen Beifall, als das Regieteam auf der Bühne erschien: Ein rechter Wurf ist Sven Eric Bechtolfs hiermit vollendete Inszenierung tatsächlich nicht. Zu hausbacken, zu beiläufig erzählt sie eine nette Geschichte, die nirgendwo die Tiefendimensionen des politischen Menschheits-Dramas ahnen lässt, das Richard Wagner unter dem Eindruck der Revolutionen von 1848/49 gedichtet hat.

Mitte der Achtzigerjahre hat man an der Staatsoper einen Versuch, den „Ring" als Märchen zu deuten, unter dem höhnischen Gelächter von Kritik und Publikum abgebrochen. In postmodernden Zeiten ist die Verharmlosung offenbar Programm genug, um als Hintergrund für Aufführungen der Tetralogie in den kommenden eineinhalb bis zwei Jahrzehnten zu dienen.

Wie auch immer: Die musikalischen Wagnisse, die man diesmal einging, zeitigten allesamt bemerkenswerte Erfolge. Geradezu orkanartigen Beifall erhielt post festum Adrian Eröd. Ihn, den Bariton, hat man als Loge angesetzt, in einer Partie also, die in der Regel entweder von Helden- oder von Charaktertenören interpretiert wird. Nun mag man streiten, ob die dunklere Stimmfarbe der Rolle angemessen sei oder nicht. Doch hat Eröd mit der Tessitura keine Mühe, singt, wie erwartet, die lyrischen Passagen, vor allem das Preislied auf „Weibes Wonne und Wert" schön wie in einem Liederabend.

Zwei Macht-Gierige auf Augenhöhe

Da steht die tönende Realität ein wenig quer zur Optik, denn Bechtolf macht aus dem Loge eine kabarettreife Jolly-Joker-Figur. In dieser Produktion scheint Loges Lust an der Intrige die Handlung voranzutreibe, weniger das haltlose Machtstreben der Kontrahenten Wotan und Alberich.

Dabei sind Licht- und Schwarz-Albe diesmal kongenial besetzt: der wieder genesene Juha Uusitalo singt den Rheingold-Wotan zwar vielleicht nicht mit jener geballten Kraft, die ihm für „Walküre" (abgesehen vom Premieren-Missgeschick) und „Siegfried" zu Gebote stand. Doch bewältigt er auch gefürchtete Extrempassagen wie den Hymnus auf Walhall mühelos.

Und Thomas Koniecny steht diesem Göttervater in Augenhöhe gegenüber - zwergenhaft ist nichts an diesem Nibelungen-Herrscher, der nach Macht und Besitz giert und die Liebe ebenso wie den verlorenen Ring mit einer Stimmgewalt verflucht, die den Hörer angst und bang werden lassen.

Am Beginn des letzten Bildes dieses „Vorabends" hat die Regie ihre starke Viertelstunde: Zuletzt ist nicht ganz klar, wer da an wessen Gängelband hängt, wenn Alberich dem verhassten Widerpart seine Verwünschungen entgegenschleudert: Da stehen einander für Augenblicke nicht Spielfiguren in einem harmlosen Marionettentheater gegenüber, sondern Gestalt gewordene Prinzipien, Urmächte, die in ihrer Maßlosigkeit sich selbst und ihrer Umwelt lieber das Verderben bringen als Halbheiten zuzulassen.

Nur in diesem Moment ist die szenische Gestaltung der mythologischen Handlung in den kargen, stilistisch völlig uneinheitlichen Bildern von Rolf und Marianne Glittenberg der Kraft der tönenden Metaphern gewachsen, die das Orchester unter Franz Welser-Mösts Leitung entfesselt. Der künftige Wiener Generalmusikdirektor nimmt, ganz nach Wagners ausdrücklichen Anweisungen, das „Rheingold" zügig, zwingt die endlich wohltönend konzertierten Rheintöchter zu einem rasanten, doch virtuos bewältigten Terzett. Ileana Tonca, Michaela Selinger und Elisabeth Kulman, schönstimmig auch jede für sich, drohen niemals in der Strömung abzudriften. Selbst in heiklen, kleinteilig strukturierten Momenten bleiben Text und Musik in Balance.

Im zweiten Bild bringen, der kleine Einwand sei gestattet, manche von den Solisten zu zähflüssig angestimmte Dialog-Passagen das zügige Konzept hie und da ins Stocken. Doch ab der Nibelheim-Szene, die dringlicher, beißender, aggressiver kaum je zu hören war, eignete der Aufführung eine Stringenz, die unausweichlich zu den überwältigend gesteigerten Des-Dur-Klängen führte, zu denen die Götter nach Walhall ziehen - theoretisch, praktisch verschwinden sie, der unwillige Loge ausgenommen, ab sofort hinter dem weißen Prospekt, der die Bühne nach hinten zu begrenzt. Ein extremerer Kontrast als der, der sich hier zwischen tönender und optischer Theater-Realität auftut, ist kaum zu formulieren - und darf als symptomatisch für die Gesamtwirkung des neuen Wiener „Rings" gelten.

Musikalisches Welt-Theater

Musikalisch hat er dank der immer detailverliebten, meist aber auch szenenübergreifend konsistenten Leistung des Orchesters (unter Mösts dankenswerter Weise immer fordernder werdenden Leitung) das Format des Welt-Theaters, wie es Wagner vorgeschwebt haben mag. Ob sanft ziselierte Rhein-Welle oder machtvoll aufrauschender Emotions-Bogen: der Klang ist stets von packendem Zuschnitt.

Dass hingegen auch exzellente Sänger heutzutage Mühe haben, Figuren von großem, ja übermenschlichem Format darzustellen, mag ein Zug der Zeit sein. Götter sehen anders aus. Singen können sie jedoch schwerlich besser als Janina Baechle (gottlob wieder ebenmäßig tönend als Fricka), Ricarda Merbeth (als leuchtkräftige Freia), Markus Eiche (ein Donner von Format) und Gergely Németi, der aus dem sonst entweder unauffälligen oder gequält klingenden Froh eine veritable Gesangspartie macht.

Das Riesen-Duo Soran Coliban und Ain Anger poltert so regelrecht wie der Mime von Herwig Pecoraro rollendeckend jammert und quäkt. Anna Larsson gibt salbungsvoll genug die Prophezeiungen der Erda von sich. Und der Loge tollt und albert zwischen diesen Figuren herum, als wollte er mittels Otto-Parodie nachweisen, dass der Loge aus Ostfriesland stammt. Nicht nur stimmlich sondern auch athletisch ist das Adrian Eröds meisterliche Kür, deren belebende Wirkung vom Publikum, wie schon gesagt, mit Eenthusiasmus quittiert wurde.

Mehr zum damit abgeschlossenen neuen Wiener „Ring"-Abenteuer nach Beendigung des ersten Gesamt-Durchlaufs - für diesmal mag die Botschaft von einer musikalischen Sternstunde genügen.

 

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