"Rigoletto": Albtraumfabrik

Stephen Langridge erzählt Verdis "Rigoletto" im Filmmilieu der Fünfziger. Das muss man nicht mögen, sollte aber anerkennen, dass es sich um gar keine so schlechte Idee handelt.

Jacek Strauch
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Jacek Strauch
(c) AP (Stephan Trierenberg)

Ins Kino! Hätte Gilda doch wenigstens einmal auch ins Kino gehen dürfen, statt immer nur in die Kirche! Dann wäre die allzu Behütete vielleicht nicht auf den Trick des Herzogs, pardon, von Signor Duca, hineingefallen, der sie als vorgeblich armer Student umgarnt. Oder hätte die Geschichte just denselben Lauf genommen? Denn welches Girlie würde schon, sagen wir, Zac Efron von der Bettkante stoßen?

Duca ist nämlich ein sogenannter Superstar und dreht gerade in der Cinecittà einen Reißer namens „La maledizione“ (so wollte Verdi die Oper ja ursprünglich nennen), in dem er pikanterweise in die Rolle eines Killers schlüpft – womit auch der Prostituiertenmord, den er während des Preludio verübt, sich sogleich als Filmszene entpuppt.

Die erste augenzwinkernde Pointe von Stephen Langridges Inszenierung, der sich mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Richard Hudson dafür entschieden hat, die Handlung nicht am herzoglichen Hof von Mantua spielen zu lassen (nachdem ja die österreichische Zensur den Originalschauplatz von Victor Hugos Drama nicht zulassen hatte wollte), sondern in der hierarchisch ähnlich starren, vergnügungssüchtigen Welt des Films.

Das muss man nicht mögen, sollte aber anerkennen, dass es sich um gar keine so schlechte, weil auch weitgehend schlüssig durchgezogene Idee handelt – die allerdings unweigerlich stark an Jonathan Millers berühmt gewordenen Mafia-„Rigoletto“ erinnert, der New Yorks Little Italy der Fünfziger zum Schauplatz hatte. Und tatsächlich grüßen von dort einige Bildzitate herüber, etwa bei der Taverne des letzten Aktes Edward Hoppers „Nighthawks“, während die Inszenierung freilich noch weitere filmspezifische Referenzen anführt, nicht zuletzt aus Fellinis „La dolce vita“.

Unklar bleibt allerdings, ob der Abend mit der ursprünglich vorgesehenen, erst wenige Tage vor der Premiere ausgetauschten Besetzung von Duca und Gilda zumindest szenisch einen stärkeren Eindruck gemacht hätte. Oliver Kook (statt Michael Ende) kann jedenfalls nicht leisten, was ihm hier abverlangt wird: Identitätsverlust und Ausschweifung, Starallüren und betörender Charme – ein Getriebener, der auch in Gilda nur so lange echtes Gefühl investiert, bis er sie ins Bett gekriegt hat. Als Figur wie als Sänger recht eindimensional, kommt er insgesamt passabel über die Runden, kann aber immer wieder enge, gepresste Töne nicht vermeiden.

 

Eindrucksvoll war allein Gilda

Dirigent Manlio Benzi, der dem wackeren, teils recht schön musizierenden Orchester einige Derbheiten durchgehen lässt, verlangt von Kook eine Strophe der Stretta, wobei dieser klugerweise darauf verzichtet, ein hohes D zu versuchen. Gelegenheiten zu eingelegten hohen Tönen lässt auch Volksoperndebütant Jacek Strauch in der Titelpartie lieber verstreichen: Ducas hinkender Garderobier, der ihm die Kostüme für Arbeit wie Eskapaden bereitstellt, hat seine Stärken als Charakterdarsteller, denen er Ansätze einer nuancierten Gesangsleistung beistellt.

Wirklich eindrucksvoll meistert allein Jennifer O'Loughlin (statt Alexandra Reinprecht) ihre Partie: Zuletzt als Zerbinetta erfolgreich, nähert sie sich der musikalisch facettenreichen Gilda klar von der Koloraturseite, hat aber neben recht leichter Höhe und silbrigem Zwitscherklang auch genügend tragfähige Töne zur Verfügung. Beim nicht üblen übrigen Ensemble führt die deutsche Übersetzung dort und da zu unschönem Sprechgesang, der dennoch erst durch die Übertitel verständlich wird: ein Kuriosum.

Nächste Termine: 21., 26.10., ? 01/5131513

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2009)

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