Dudamel: Eine ambivalente Begegnung

Gustavo Dudamel gastierte mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra im Wiener Musikverein. Beinah schüchtern wirkte der junge Maestro beim Auftritt.

Dudamel Eine ambivalente Begegnung
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Dudamel Eine ambivalente Begegnung
Dudamel – (c) EPA (INACIO ROSA)

Die erste Begegnung mit dem viel gerühmten Dirigenten Gustavo Dudamel stellt sich ein Musikfreund wohl ganz anders vor. Er wartet auf mirakulöse Verzauberung oder aber Ernüchterung, weil die Vorschlusslorbeeren etwa zu reichlich gestreut worden sein könnten. Beides traf beim Gastspiel des Los Angeles Philharmonic Orchestra im Musikverein nicht zu. Fans und Kritiker des Dirigenten-Senkrechtstarters blieben, so schien es, eher ratlos zurück, wobei Erstere sicherlich verzaubert wurden, das liegt schon am jugendlichen Naturell des Künstlers.

Der Reihe nach: Dudamel, der seit gut fünf Jahren enorm gehypte, anscheinend nach Hugo Chávez bekannteste Venezolaner und im Jahr 2009 – laut „Time Magazine“ immerhin einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt, hatte Freitag gleich zwei Premieren. Vielleicht war das das Problem? Zum ersten Mal bestreitet er als neuer Musikdirektor der Philharmoniker von Los Angeles eine Übersee-Tournee mit seinem Orchester, und zum ersten Mal dirigiert er Gustav Mahlers bedeutungsschwere Neunte Symphonie.

Beinah schüchtern wirkte der junge Maestro beim Auftritt. Kokettiert er? Oder ist es ehrliche Ehrfurcht vor diesem singulären Totentanz? Die ersten Pianissimo-Töne erklingen in sattem Ton, der umso satter wird, wenn sich über dem Klangteppich eine Melodie herauslösen soll. Nur dort, wo Mahler die Besetzung im Laufe der Komposition drastisch auf Kammerorchester-Stärke minimiert, werden an diesem Abend wirklich sanfte, subtile Töne hörbar, sie sind dann auch spannungsgeladen, schwebend.


Dirigiert auswendig. S
obald eine Tendenz dingfest gemacht ist, überraschen die Musiker mit dem Gegenteil. Gewiss, aus solchem Stoff ist Mahlers sinfonischer Subjektivismus, das macht seine Meisterschaft aus. Dudamel hat offenbar die Zwischentöne in Mahlers Werk gründlich studiert – er dirigiert auswendig. Für den Hörer wird es an Details fühlbar. Den sinfonischen Fluss bremst derlei Kleinarbeit aber eher, als dass sie der Klang-Erzählung wirklich nützte.

Das Stück atmet nicht, Ritardandi und zelebrierte Diminuendi scheinen auf der Stelle zu treten. Der Abgesang Mahlers hindert Dudamel, sich frei zu fühlen. Statt Interpretation hört man wörtliches Ernstnehmen des Notentextes. Nur punktuell gibt es ausladende, beredte Gesten, Dudamels Hände vibrieren; kurz scheucht er die Musiker auf, um sie gleich wieder mit stoisch ruhiger Hand zu führen. Der Ländler des zweiten Satzes klingt zwar grob, ist aber meilenweit von der intendierten Tanzboden-Parodie entfernt. Das burleske Rondo des dritten Satzes wird unter Starkstrom gespielt, der Schluss als filmreifer Showdown. Hier gehört die technische Leistung von Posaunen, Hörnern erwähnt, die freilich auch im entscheidenden Final-Adagio ihren großen Auftritt haben. Dieser Abschieds-Satz gelang ergreifend.

Dudamel dirigiert die letzten Minuten fast mechanisch, der Des-Dur-Akkord verhaucht. Das Orchester erstarrt dreißig Sekunden bis zum Applaus. Da war es wieder, das Schüchterne, Demütige: Dudamel steigt nicht wieder auf das Dirigentenpodest, nimmt den Applaus geradezu versteckt zwischen seinen Musikern entgegen. Der Applaus gilt den Musikern – und Mahler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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