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Bruckner als spannender Zeitgenosse der Zukunft

17.09.2011 | 17:48 |  von walter Dobner (Die Presse)

Wie Bruckner wirklich klingen soll: Das Gewandhausorchester Leipzig unter Riccardo Chailly mit der Sechsten in St. Florian.

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„Klassisch anders“ lautet das Motto des diesjährigen Brucknerfests Linz, denn gehuldigt wird traditionell nicht nur dem Genius Loci, Anton Bruckner. Eingebunden in dieses internationale Musikfestival sind neben Klassik im weitesten Sinn die Moderne, Weltmusik, bewusst die Grenzen von E- und Musik vermischende Formen. Auch Bruckner greift in seinem Schaffen weit über den konventionellen Formenkanon hinaus, konfrontiert mehrfach mit unerwarteten Ideen, die bis in die musikalische Zukunft reichen.

Etwa in seiner sechsten Symphonie. Wegen der Vielfalt der Harmonien, der zahlreichen Brüche und atmosphärischen Veränderungen nicht zuletzt im sich immer wieder zu neuen Ideen aufschwingenden Finalsatz hat sie der Komponist als seine „keckste“ charakterisiert.

Die Herausforderung für den Interpreten liegt nicht allein in der Verknüpfung dieser diametralen musikalischen Aussagen, ebenso entscheidend für die gemäße Interpretation dieser knapp einstündigen A-Dur-Symphonie ist die Wahl der Grundtempi. In allen vier Sätzen – selbst im sonst mit mehr tänzerischem Elan aufwartenden Scherzo – werden moderate Zeitmaße gefordert. Beginnt man den „Maestoso“ (!) überschriebenen Stirnsatz allerdings zu langsam, lässt sich kaum je der durch zahlreiche Tempomodifikationen unterbrochene, weite melodische Fluss entsprechend spannend nachzeichnen.


Selbstverständliche Natürlichkeit. Zuweilen heißt es auch noch auf besondere akustische Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, wie etwa in der St. Florianer Stiftskirche mit ihren langen Nachhall. Riccardo Chailly, seit 2005 Gewandhauskapellmeister, und damit Chef des Leipziger Gewandhausorchesters, mit dem er in wenigen Wochen im Wiener Musikverein einen mit zeitgenössischen Auftragswerken garnierten Beethoven-Symphoniezyklus realisieren wird, kennt dieses Ambiente. Vor elf Jahren gastierte er hier – ebenfalls im Rahmen des Brucknerfests – an der Spitze seines damaligen Klangkörpers, des Amsterdamer Concertgebouworkest, eindrucksvoll mit Bruckners Siebenter. Diesmal wählte er für seinen Auftritt in St.Florian, ehe er tags darauf mit seinen Leipziger Musikern diese Kurztournee im Linzer Brucknerhaus mit einem Beethoven-Bruckner-Programm abschloss, eben Bruckners Sechste.

Wie damals frappierte auch diesmal die Selbstverständlichkeit, mit welcher der italienische Maestro die großen Bögen formte und die daraus erwachsende Natürlichkeit des melodischen Flusses. Was nicht mit Gleichförmigkeit verwechselt werden darf. Im Gegenteil, Chailly bestand ebenso darauf, die zuweilen schroffen Akzente, die abrupten harmonischen Veränderungen und Übergänge klar herauszumodellieren. Damit machte er – schließlich ist er nicht nur ein ausgewiesener Bruckner-Kenner, sondern auch ein Mahler-Spezialist – so manche Gemeinsamkeit mit Mahler deutlich.

Nicht vergaß Chailly bei seiner klar strukturierten Deutung die spezifischen Kantilenen dieses Bruckner herauszustreichen. Dass seine gleichwohl exzellent vorbereiteten wie mit höchster Präzision agierenden Musiker, namentlich die Streicher, weniger die möglichen Farbfacetten auskosteten, sondern mehr auf ein sonores Klangbild setzten, betonte die oft nur in wenigen Ansätzen erkennbare grüblerische Melancholie dieser A-Dur-Symphonie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2011)

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