Serge Rachmaninow ist im Wiener Musikleben nicht gerade überrepräsentiert, sein Spätwerk so gut wie unbekannt – der Komponist krönte es mit den „Symphonischen Tänzen“, die Mariss Jansons im jüngsten philharmonischen Abonnementkonzert aufs Programm setzte: Das Meisterorchester hat außer der Zweiten Symphonie wenig Rachmaninow gespielt.
Diese klingt überdies regelmäßig nach Hollywood – was bei den „Tänzen“ nicht passieren kann, denn hier reduziert Rachmaninow den Süffigkeitsfaktor gegen null und widmet sich einer kargeren, ganz auf motivische Arbeit konzentierten Linienführung. Die ist bei den Philharmonikern in besten Händen, nicht nur, weil unsere junge Konzertmeisterin, Albena Danailova (übrigens wie ihr Kollege am Saxophon) in ihrem kurzen, aber prächtig absolvierten Solo den Rachmaninow-Ton in seiner Mixtur aus Weichheit und dunkel-leuchtendem Ton bei imposanter Kraft präzis trifft. Überhaupt lässt man ja hierzulande die Musik – entgegen allen anderslautenden Gerüchten – nicht gern in allzu viel Saft schmoren.
Jansons, ein Mann der flexiblen Linien, des niemals brutalen Tons, rundet den Eigenklang des Orchesters und animiert die einzelnen Musiker zu frisch-fröhlichem Engagement. Man musiziert gern mit ihm, das spürt der Hörer vom ersten Ton an. Der melancholische Weltabschied eines russischen Meisters im amerikanischen Exil tönt daher nie vernichtend schwarz, höchstens nächtlich geheimnisvoll.
Buchbinders Energieschübe
Stimmungsbilder zaubert Jansons auch aus einem Werk wie Brahms' Erstem Klavierkonzert. Er weiß, dass er sich mit den Philharmonikern in dieser labyrinthischen Partitur verlieren darf, wenn er einen so kundigen Führer wie Rudolf Buchbinder hat. Der kennt das d-Moll-Konzert wie seine Westentasche und verfügt heute so souverän über seine stupende Virtuosität, dass er auch dort, wo die scheinbare Übermacht des Riesenorchesters in der Regel den Pianisten zu erdrücken droht, die Zügel in der Hand hält. Faszinierend, wie er sich Zeit nimmt, in lyrischen Passagen das klar definierte Metrum raffiniert auszutricksen, um – etwa beim Übergang in die Durchführung im Stirnsatz – in Sekundenbruchteilen zu jener Kraftentfaltung zu finden, die, keinen Widerspruch duldend, den dramatischen Ablauf vorantreibt. Da sitzt jeder Ton, da gibt es keine rhythmischen Kompromisse – nur dort, wo's drauf ankommt, freiestes Melodienspiel. Respekt gebietend. sin
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2011)
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