Gatti: Berückende Tröstungen vom Himmel

Im Musikverein sorgte Daniele Gatti mit den Wiener Philharmonikern und dem Singverein für Breite und Dichte.

Berueckende Troestungen Himmel
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Berueckende Troestungen Himmel
Daniele Gatti – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Unter Daniele Gattis gemessener Leitung breiteten Wiener Philharmoniker und Singverein den mit „ziemlich langsam und mit Ausdruck“ überschriebenen ersten Satz des „Deutschen Requiems“ von Brahms Sonntagvormittag im Musikverein mit so unerschütterlich ruhigem Grundpuls aus, dass die Kohärenz all der schönen Stellen gefährdet war. Denn beileibe nicht nur mit Bedacht auf rhythmische Genauigkeit wurde da musiziert, sondern zum Teil wahrlich berückend schön – vom wunderbar klangvollen, saubere Intonation und Wortdeutlichkeit mühelos verbindenden Chor ebenso wie vom Orchester, in dem sich etwa die tiefen Streicher sonor auffächerten und die Bläser stets akkurat zur Stelle waren.

Doch wurden die anfänglichen Bedenken gegen Gattis Tempodramaturgie schon bald zerstreut, indem die Aufführung alle Trägheit abstreifen und sich zu eindrucksvoller Dichte steigern konnte. Schon beim düsteren, konduktartigen Schreiten des „Und alles Fleisch, es ist wie Gras“ schlug Gatti flexibler, und es gelang ihm, in den lang ausgesponnenen Legatolinien mit den Tönen auch deren expressiven Gehalt weiträumig strömen zu lassen. Rund um den zentralen zarten Chorsatz, das sehr flüssig absolvierte „Wie lieblich sind deine Wohnungen“, kulminierten die straff absolvierten Fugen in imposanten Steigerungen, denen breit getragene Phasen der Andacht gegenüberstanden.

Im letzen Satz erschienen allerdings die Tröstungen der Violinen etwas dick aufgetragen. Detlef Roth verfügt über einen markanten Bariton, Christine Schäfer würzte das Sopransolo mit einem Schuss mehr Dramatik als üblich. Dankbarer Jubel. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2011)

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