Verdi in Wien: Ewiger Kampf um Tenöre!

Nach Wagner und Strauss widmet die Staatsoper Italiens Großmeister einen Schwerpunkt – und hat immerhin Peter Seifferts Debüt als Otello im Talon.

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Staatsoper – (c) FABRY Clemens

Mit Schwerpunkten im deutschen Repertoire hat die Staatsoper zuletzt ihr Publikum regelmäßig begeistert. Beim Verdi-Dreisprung im Jänner gelang das nur mit Mühe und ganz zuletzt: Peter Seifferts umjubeltes Debüt als Otello fand in einer rundum exzellenten Aufführung statt, die in eine veritable Stern-Viertelstunde mündete.

Krassimira Stoyanva ist weltweit heute die erste Wahl als Desdemona. Weil sie in innigen Pianophrasen Melancholie, Traurigkeit, Angst mitschwingen lässt, ohne dabei einen Moment die Gesetze des Belcanto zu verletzen. Das Orchester, das unter der Leitung des jungen, doch handwerklich versierten Dan Ettinger lebendig-nervös und beredt Verdi spielt, bettet die samtige Edelstimme im Lied vom Weidenbaum und im Gebet vor dem Finale dann mit derselben Hingabe, mit der sie singt, ins weichste aller Klangbetten.

Die Kapellmeisterfrage löst die neue Direktion insgesamt eindrucksvoll. Auch die anderen Verdi-Aufführungen werden von kundigen Maestri (Jesús López-Cobos, Philippe Auguin) geführt, die die ihnen zugeteilten Dramen teils durch höchst unwegbares Vokalgelände zu steuern haben.Da sind indisponierte Tenöre, angesagter: Neil Shicoffs alle rhythmischen Gesetze außer Kraft setzender Gustav („Maskenball“) und – nicht angesagter Weise – Fabio Armiliato („Macht des Schicksals“). Da sind Soprane von eminentem Format mit mehr oder weniger irritierenden Makeln: Violeta Urmanas mächtige Leonore kann nicht ganz vergessen machen, dass sie aus dem Mezzo-Bereich kommt, Barbara Havemans Amelia schrammt mit sehr eindringlich modellierten Phrasen des Öfteren haarscharf an den richtigen Tönen vorbei: Intonationsalarm! Dafür brillieren die Altistinnen aus dem Ensemble, Nadia Krastevas Preziosilla wird ja sehr zu Recht schon in größte Häuser exportiert– und Zoryana Kushplers ungemein kraftvolle, in der Tiefe herrlich leuchtende Ulrica hat Weltformat.

Ensemblepflege. Überhaupt das Ensemble: Kaum ein Haus dürfte für Partien wie den Fra Melitone, den Oscar, den Pater Guardian so luxuriöse Besetzungen wie Tomasz Konieczny, Julia Novikova oder Ain Anger parat haben. Da werden exzellente Kräfte offenbar richtig eingesetzt und gefördert. Dann ein bis dato hier vor allem im Belcanto-Bereich aktiver Gast wie Franco Vassallo als Jago von erstaunlicher Geschmeidigkeit, hintergründig, doch ohne die artifizielle Miene des Finsterlings. Sein Kollege Alberto Gazale lässt als Carlos in der „Macht des Schicksals“ aufhorchen: Wenn er aufhört, zu viel Druck auf seine Stimme zu machen und ein hohes A einzulegen, wo es nicht hingehört: Sprich, wenn er unforciert einfach schön singt, was er offenbar auch kann, wird er uns noch in mancher Partie erfreuen – und vielleicht so lange singen wie Doyen Leo Nucci, der im „Maskenball“ noch einmal eine – weiß Gott, nicht nur für sein verhältnismäßig vorgerücktes Alter – beeindruckende Studie vokaler Stetigkeit und kraftvoll-flexibler Linienführung absolviert.

Ja, und Peter Seifferts erster Otello? Er lässt auf Wiederbegegnungen auch in diesem Repertoire hoffen. Noch spürt man, gewiss, er tastet ab, was in der mörderischen Partie möglich ist, was nicht, wie viel Pulver er bereits beim Kraftakt des ersten Auftritts verschießen darf – vielleicht sogar mehr als beim Debüt? –, wie viel Druck die Stimme andererseits verträgt, um nicht zu sehr ins Wackeln zu kommen. Doch gelingen wesentliche Passagen wie der Monolog im dritten Akt expressiv und mit enormer Spannkraft. Im Duett mit der Stoyanova demonstriert er, dass er– anders als die meisten Fachkollegen – letztendlich doch als Tamino begonnen hat. Aus dem Mozart-Walde kommt er her, der neue Mohr von Venedig. Das ist schon länger her, jawohl, bekommt aber Verdi nicht schlecht.

„Otello“: 18., 22. und 26.Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)

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