„Ferne Geliebte“: Gerhahers Wien

29.11.2012 | 12:38 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse - Schaufenster)

Eine kluge Zusammenstellung für den deutschen Bariton.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Sogenannte intelligente Programme – sie stimmen den Kenner oft vorsichtig. Ein zynisches Wort sagt: Wer intelligente Programme präsentiert, hat’s nötig. Tatsächlich haben manche Interpreten große Karrieren gemacht, indem sie Dinge aufführten und aufnahmen, denen sich erfolgreiche Kollegen entziehen. Konfrontiert mit Wiener Klassik oder großer Romantik, erwiesen sich solche Raritätenjäger dann des Öfteren als recht mittelmäßige Interpreten. Freilich gibt es da Ausnahmen, bedeutende Interpreten, die mit derselben Energie und demselben Können, das sie für Mozart, Beethoven oder Brahms ins Treffen führen, auch ungewohntes Repertoire beleben und damit für Musikfreunde oft erst urbar machen.

Christian Gerhaher beispielsweise, der bedeutende deutsche Bariton, müsste nicht Musik von Schönberg und Berg singen, um auch Beethovens „Ferne Geliebte“ und die „Adelaide“ aufnehmen zu „dürfen“. Er reüssiert dank Prachtstimme und penibler Diktion dies- und jenseits des Tonalitätsäquators. Dass er dieselbe Sorgfalt, ja spürbar Liebe auch Arnold Schönbergs „Buch der hängenden Gärten“ und den „Altenbergliedern“ von dessen Meisterschüler Alban Berg angedeihen lässt, sowie auch einigen Raritäten von Beethovens Kurzzeitlehrer Joseph Haydn, das macht die neue CD zur veritablen Trouvaille. Kaum je wurden Schönbergs zerbrechliche George-Vertonungen so idiomatisch richtig, so in ihrer verhaltenen, hinter einem zarten Avantgarde-Schleier verborgenen Poesie eingefangen, wie es hier geschah.

Und was Pianist Gerold Huber in der Umsetzung der Klavierfassung der ursprünglich doch ganz orchestral – und aus der Ästhetik eines riesig besetzten Fin-de-Siecle-Klangbilds – empfundenen Berg-Lieder leistet, grenzt an Zauberei. Wie er in den „hängenden Gärten“ Schönbergs harmonische Gratwanderungen zwischen gerade nicht mehr Dur und Moll und noch nicht ganz „atonal“ ausbalanciert, ersetzt er Bergs gigantische Orchesterfarbpalette mit seinen zwei Händen. Kein „Klavierauszug“ als Behelfslösung also, ein in sich stimmiges Kunstwerk. Dazu Gerhahers immer präsente, dabei stimmlich weich getönte Artikulationskünste, und fertig ist eine Hommage an große Komponisten der näheren und ferneren Vergangenheit. Wiener Klassik, aufregend; und Neue Wiener Schule, klassisch. („Ferne Geliebte", Sony)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden