"Schönberg. Sämtliche Lieder"

14.02.2013 | 14:18 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse - Schaufenster)

Gurre zum Gedenktag. Exzellent: Schönbergs Liedschaffen in Gesamtaufnahme.

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Bald jähren sich die beiden wichtigsten Uraufführungsdaten im Leben Arnold Schönbergs: Am 23. Februar 1913 kamen die „Gurrelieder“ zur Uraufführung – und wurden umjubelt wie kein anderes Stück, das der Vater der musikalischen Moderne hervorgebracht hat. Kaum sechs Wochen später war der Traum schon wieder vorbei: Im selben großen Musikvereinssaal dirigierte Schönberg ein Konzert mit Werken von Komponisten, die ihm wichtig waren, Zemlinsky, Webern und Alban Berg, dazu seine eigene Kammersymphonie. Zur Aufführung von Mahlers Kindertotenliedern kam es nicht mehr, denn Bergs kurze, radikale Vertonungen von Ansichtskartentexten Peter Altenbergs raubten dem Publikum die letzte Contenance, es tobte und der Saal wurde geräumt.

Rechtzeitig zum Gedenktag erschien nun eine Gesamtaufnahme von Schönbergs eigenem Liedschaffen. Für Musikfreunde faszinierend, denn der Bogen reicht von frühen, spätromantisch im Banne Wagners stehenden Gesängen zu vertrackten, meist lyrisch-versonnenen Bewegungen von Stimme und Klavier im freitonalen Weltraum. Die schönsten Lieder sind aus der „Zwischenphase“: „Das Buch der hängenden Gärten“ nach George-Gedichten lässt vielleicht auch Skeptiker nachvollziehen, was einen Komponisten im Wien um 1900 an der Eroberung neuer Klangräume so fesseln konnte, dass er alles über den Haufen warf, was zuvor als gut, schön und richtig galt. Georges überspannte Poetik führt Schönberg zu ebensolchen musikalischen Fantasien. Doch wirken sie nicht gesucht, eher wie spontane Improvisation, aus dem Text geboren.

Die früheren Lieder wirken wie ein taumelnd-begeisterter Nachhall großer Opernerlebnisse, in die kleine Form getaucht. Faszinierend, wie die später in so üppiges Orchestergewand gehüllten Gurrelieder ursprünglich klangen – die Edition bietet auch Klavierfassungen der Solonummern des Oratoriums. Am wenigsten überzeugen Schönbergs verquere Volkslied-Sätze, die eher unbeholfen als originell tönen. Jedenfalls besticht die vokale Präzision von Claudia Barainsky, Melanie Diener (in den primadonnenhafteren Gesängen), Anke Vondung, Christa Mayer, Markus Schäfer und dem sehr wortdeutlichen Bariton Konrad Jarnot, der den verhangenen, postimpressionistischen Tonfall der George-Lieder perfekt trifft. Die Hauptlast liegt auf dem exzellenten Pianisten Urs Liska, dem Kenner der frühen Moderne und solche, die es werden wollen, zu Dank verpflichtet sind.

„Schönberg. Sämtliche Lieder.“ Eine 4-CD-Box von Capriccio.

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