Joachim Kaiser, der Doyen, ist tot

Er war der führende Musikkritiker - nicht nur - Deutschlands und starb 88jährig.

Zuletzt war er lange krank und nicht mehr arbeitsfähig. Doch bis vor gar nicht allzu langer Zeit war Joachim Kaiser die Instanz schlechthin, der Musik-, nein: der Kulturkritiker Deutschlands. Denn Kaiser schrieb nicht nur über Oper und Konzert, über die Interpretationen der Beethoven-Sonaten oder über Mozarts Opernfiguren. Er war auch Literaturezensent und Kunstkenner. Und er war es dank dieser eminenten geistigen Bandbreite für eine kleine Ewigkeit. Schon eine der wichtigsten Betrachtungen über den Beginn von Neu-Bayreuth unter der Ägide Wieland Wagners stammte aus seiner Feder. Das war 1951. Spätestens seit er die Führung der Kulturkritiker der Süddeutschen Zeitung übernahm, war Joachim Kaiser die unangefochtene Nummer eins.

Seit vielen Jahren war er der alleinige Siegelbewahrer einer kritischen Schreibkunst, die noch damit rechnete, dass Leser imstande waren, sich selbst eine Meinung zu bilden und von ihrem journalistischen Gegenüber erhofften, von ihm ihn einen mit klugen Argumenten gespickten Diskurs gezogen zu werden.

Da ging es noch um Werke, um interpretatorische Details, um große kulturhistorische Verknüpfungen - in einem Äon, in dem sich Intendanten inszenieren wie Diven und Kulturpolitiker wie Intendanten, ist es zu Ende mit allen diesen Träumen. Wir haben die Bodenhaftung verloren.

Joachim Kaiser, der große Mann aus Ostpreußen, der noch um den großen Geist und die Zusammenhänge des europäischen Kulturerbes wusste, ist tot - seine Welt ist längst versunken.

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