24.05.2013 12:47 Merkliste 0

Youn Sun Nah begeistert in Krems mit innigem Gesang

26.07.2012 | 16:39 |   (Die Presse)

Zum Eröffnungsabend des 16. Festivals Glatt & verkehrt: Chansons, Wüstenblues und imaginäre Folklore in der Sandgrube als Höhepunkte. Nah löste den vielleicht lautesten Applaus der Festivalgeschichte aus.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es war ein gefährliches Manöver. Schließlich zählt Leo Ferrés existenzialistisches Chanson „Avec Le Temps“ zu jenen Liedern, denen nur einigermaßen leidgeprüfte Interpreten Leben verleihen können. Man muss schon grundsätzlich tragisch empfinden, um dessen aufwühlender Poesie adäquat Ausdruck zu verleihen: Mit der Zeit geht einfach alles dahin, selbst die schönste Erinnerung sieht dann wie eine Fratze aus.
Die gebürtige Koreanerin Youn Sun Nah wagte es und löste mit ihrer fragilen, doch letztlich kraftvollen Deutung den vielleicht lautesten Applaus in der sechzehnjährigen Geschichte des Festivals aus.

Nah, die als Musical-Sängerin begann, nahm in den Neunzigern späten Unterricht in Jazz und Chanson in Paris. Wundersamerweise entwickelte sie sich tatsächlich noch zur gehaltvollen Interpretin und wagemutigen Improvisatorin. Im Duo mit Gitarrist Ulf Wakenius hat sie mittlerweile traumwandlerische Sicherheit. Die rare Innigkeit wurde besonders in den improvisierten Unisono-Passagen deutlich. Wakenius punktete mit pointiertem Flirt zwischen sublimem Jazz und urigem Rock. Zu den Highlights zählten Nat King Coles griffiger „Calypso Blues“ und eine verspielte Version von „My Favorite Things“ (ein flotter Walzer aus dem Musical „Sound of Music“), die Nah überzeugend auf ihrem Daumenklavier hämmerte. Als Sängerin schmiegte sie sich manchmal eng an die Melodie, dann wieder fuhr sie schrill-heisere, exotische Attacken. Tom Waits? „Jockey Full of Bourbon“ klang gar nach betrunkenem Kranich. Als Zugabe gab es kurioserweise Metallicas „Enter Sandman“.

Niemals Kunst mit Provinzrabatt

Eklektizismus war stets auch die Losung der Festivalmacher Joe Aichinger und Albert Hosp. Es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie bei Glatt & verkehrt niemals Kunst mit Provinzrabatt präsentieren. So ging ihr Kompositionsauftrag heuer an den Lärmapologeten Burkhard Stangl. Dass er mit dem betulichen Projekt „Imaginary Folksongs“ einen Bauchfleck landete, machte da gar nichts. Er ließ auch in Briefform gefasste, weinerliche Gedanken über böse Politik und willige Volksmusik vorlesen. Seine zuweilen kühn aufkräuselnde Musik aber schockte höchstens ein paar Ex-Waldorf-Schüler.

Für einen soliden Abschluss des Eröffnungstages sorgten Bluesgitarrist Eric Bibb und sein afrikanischer Kollege Habib Koité. Ihr gemeinsames Programm „Brothers in Bamako“ charmierte mit erdigem Gesang und verspielten Grooves. In den Liedern ging es um mannigfaltigen Kummer und passende Strategien dagegen. Die angenehm herbe Anmutung der Lieder wurde durch originelle Spielweise aufgewertet. Koités Banjospiel wurde besonders bejubelt. Höhepunkte waren eine Wüstenbluesversion von Bob Dylans „Blowin' in the Wind“ und das ermutigende „Don't Ever Let Somebody Drag Your Spirit Down“. sam

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web