18.06.2013 06:55 Merkliste 0

Saalfelden: Ein bisschen Jazz-Subversion

27.08.2012 | 16:18 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Tapfer hielt das traditionsreiche Jazzfestivals in Saalfelden im Pinzgau das Fähnlein der improvisierenden Zunft hoch. Doch allzu oft regierte statt weltabweisender Schönheit biedere Kakofonie.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

„I don't know which way these prison bars were hung“, sang Martin Philadelphy mit rauchiger Stimme beim Eröffnungskonzert des 33. Jazzfestivals in Saalfelden. So formulierte er unbewusst die Crux des zeitgenössischen Jazz: Der Weg ins Ungewisse, ins Ungehörte, den einst John Coltrane, Don Cherry und Ornette Coleman beschritten, hat längst ins Gefängnis des Dauerexperiments voller Klischees geführt. Im Editorial des heurigen Programmhefts wurde die Angst vor „abgehalfterten“ musikalischen Formen geschürt und von einem „tatsächlichen experimentellen Ansatz“ geschwärmt, der selbstverständlich weit abseits jeder „Gefälligkeitsmusik“ liegen soll.

Dabei produziert die improvisierende Zunft heute selbst erstaunlich viel Voraussehbares. Statt weltabweisender Schönheit regiert viel zu häufig biedere Kakophonie, vor der man sich pflichtschuldig ein bissserl fürchtet, wie vorm Gespenst in der Geisterbahn. Wer will schon, dass so ein wackerer Geist seine Existenzgrundlage verliert?

Nashörner ohne Rezept

Vorsichtshalber rechnen sich für wirkliche Bilderstürmerei zu spät geborene Jazzer nur mehr selten dem traditionsreichen Genre zu. Lieber wandeln sie mit postmodernem Gestus zwischen den Stilen umher. Wie die US-Formation Les Rhinocéros: Bei ihr macht es sich bald eine klagende Violine auf einem Reggaerhythmus gemütlich, bald sehnt sich der Bass nach der psychedelischen Lavalampen-Ästhetik der späten Sechziger, während die Gitarre rockig blökt. Manche wollten hier ironische Strategie erkennen, aber im Grunde war es Musik, die nichts mehr erzählte. Die sich nicht auf eine nachvollziehbare Emotion oder einen entschiedenen Gestus festlegen will. Rezeptlosigkeit als einziges Rezept.
Statt Widerstandsgeist zu wecken, luden die indifferenten Sounds eher zur Verdunkelung jeglicher Seinslagen. So atonal konnte diese Band gar nicht wüten, sie strahlte nichts als Beschwichtigung aus.

Freilich: Dass man sich mit dem Hören kühn aufgetürmter Luftsäulen eine Distanz von der Gesellschaft erarbeiten könne, hat sich längst als Illusion entpuppt. Selbst Free Jazz gehört mittlerweile zu den gesellschaftlich anerkannten Zerstreuungen. Und doch gibt es manchmal doch noch ein wenig Subversion im Jazz, wenn auch eher selten unter den sich kraftmännisch inszenierenden Krawallmachern. Hasse Poulsens amerikanisch-französisches Quintett etwa geht ganz eigene Wege. Sein spannendes Projekt „Progressive Patriots“ strebte an, einander wesensfremde Ästhetiken zu verbinden. Hier gelang es: Die wild aufpeitschenden Sounds versinnbildlichten die beängstigende Beweglichkeit des Lebens.

Auf introvertiertere Pfade lockte Giovanni Guidi: Angetrieben vom Rhythmiker Gerald Cleaver, wurde der zur Poesie neigende Pianist erstaunlich lebhaft. Fast rauschhaft nahm er Handballen und Unterarm in den Dienst, um fette Clustergeräusche zu erzeugen, klobige Klänge, die eigentlich seinem Feinsinn widerstreben müssten. Und doch waren die elegischen Phasen dieses schönen Auftritts am überzeugendsten.

Leerlauf mit All-Star-Band

Für Enttäuschung sorgte hingegen die All-Star-Band des Pianisten Muhal Richard Abrams, immerhin mit ruhmreichen Veteranen wie Henry Threadgill, Roscoe Mitchell und Wadada Leo Smith. Es begann zwar mit einem eindrucksvollen Gong, diesem folgte allerdings verstörender Leerlauf: kaum Interplay zwischen den Musikern, schulorchesterartige Einsätze, die auch das erfahrene Ohr beleidigten. Das böse Wort „öffentliche Probe“ machte die Runde: Nicht einmal der konstruktivste Hörer konnte hier konkrete ästhetische Absichten erkennen.

Hintersinnig: Henri Texier

Ganz anders lag die Sache beim Meisterbassisten Henri Texier, in dessen Quartett Sohn Sébastian an Altsaxofon und Klarinette zu hören war. Das eindringlich agierende Kollektiv lockte hintersinnig ins Idyll der großen Melodie und in den Dschungel der Rhythmen. In dieser Formation gab es keine subalternen Zulieferer musikalischer Motive. Alle waren auf Augenhöhe. Das konzise Musizieren weckte Erinnerungen an Texiers legendäres „Transatlantic Quartet“.

Dass es vor allem der Ton ist, der die Musik macht, demonstrierte ganz am Ende der große Pharoah Sanders. Dieser manische Sammler von Mundstücken zeigt auch noch mit 71 Jahren, dass sich der Charakter im Sound spiegeln muss. In seinem meinte man so etwas wie renitente Melancholie zu hören. Angetreten mit fünf Musikern aus Sao Paolo und Chicago, agierte Sanders mannschaftsdienlich. Die gemeinsam entwickelten Texturen waren dicht, die Beats raffiniert. Besonders schön, weil spacig, klangen die ruhigen Stücke wie „Village Of The Pharaos“: Da brummelte Sanders etwas in den Schalltrichter, dem Elektroniker Guilherme Granado ein verrätseltes Don-Cherry-Loop folgen liess . . .

Fazit: Es war nicht der aufregendste Jahrgang des verdienten Festivals, aber es gab durchaus Höhepunkte. Das Staunen ist halt selten geworden auf Festivals dieses Zuschnitts. Das liegt wohl nicht nur an den Musikern, die ein schweres Erbe angetreten haben. Wahrscheinlich hat auch die Wahrnehmungsraffinesse altgedienter Avantgardeliebhaber mit den Jahren gelitten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web