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Bayreuth: "Walküre" mit Bratwurst für alle

22.08.2010 | 18:37 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Zum dritten Mal fand am Bayreuther Volksfestplatz vergangenen Samstag die Siemens-Festspielnacht statt. Mindestens 20.000 Menschen kamen. Öffnet sich das Wagner-Festival nun dem breiten Publikum?

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Eine elitäre Haltung lehne ich grundsätzlich ab“, sagt Katharina Wagner, mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier seit 2009 Leiterin der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Doch was könnte elitärer sein als diese? Sieben bis elf Jahre, je nach Kategorie der Karte und Attraktivität der Produktion, warten Besucher auf ein Ticket. Auf ca. 58.000 Besucher kommen bis zu 500.000 Bestellungen.

Daran wird auch die von der neuen Führung proklamierte Öffnung des Festivals nichts ändern. Weder ist ein zweites Festspielhaus geplant noch ist es möglich, die Saison zu verlängern. Um dennoch mehr Menschen am Kunstgenuss teilhaben zu lassen, wurde die Siemens-Festspielnacht – die so ähnlich auch in Salzburg stattfindet – erfunden. Das „Baby“ von Katharina Wagner und verschiedenen Sponsoren ist mittlerweile drei Jahre alt. Es blüht und gedeiht, wovon man sich letzten Samstag am Volksfestplatz in Bayreuth überzeugen konnte.

Bei über 30 Grad strömten schon morgens die Menschen herbei, um die Kinderversion von „Tannhäuser“ auf der Riesenleinwand zu sehen. Ferner gab es einen Theaterparcours für Kids. Nachmittags wurde die „Walküre“ aus dem Festspielhaus direkt übertragen, heuer eine besonders edle Version mit Christian Thielemann als Dirigent, Johan Botha als Siegmund.

 

„Coool!“, sagt Jean Paul

Was sagen die Besucher? „Coool!“, findet der sechsjährige Jean Paul, der den Namen eines berühmten Dichters trägt, der die Bayreuther Festspiele förderte, die Nebel-, Schnee- und Seifenblasenmaschine. Der Helm rutscht ihm über die Augen, gemalt hat er einen ICE-Zug. „Er malt immer Züge“, sagt seine Mutter entschuldigend. Kinder sind relativ einsilbige Interviewpartner: „Gut!“, „toll“, ist meist das Einzige, was man ihnen entlocken kann, bevor sie wieder davonstürmen zum Schminken, Zeichnen und unter den feinen Sprühregen, der ein wenig die Hitze lindert. In einem der Zelte dürfen die Kids Blasinstrumente ausprobieren, jene, die Trompete lernen, sind dabei natürlich im Vorteil und produzieren sich stolz, während andere fleißig ins Instrument spucken und schräge Laute hervorbringen, was einige Heiterkeit hervorruft.

„Der Opernfan ist meine Frau“, sagt ein 42-jähriger Physiotherapeut, der mit dem Kinderwagen etwas abseits steht. Die Frau wird sich auch die „Walküre“ anschauen, der Vater zweier Buben muss die Kinder ins Bett bringen. Wagner oder Verdi? Die Frage ist für den aus Mannheim Angereisten schnell beantwortet: „Wagner“. Am Wagner-Volksfest gefällt ihm am besten, „die Lockerheit“: „Am Grünen Hügel geht es sicher steifer zu. Wäre toll, wenn man da reinkäme, aber ich habe mich noch nicht darum gekümmert.“

Kümmern nützt. Ein 45-jähriger Ingenieur, der in Bayreuth lebt, hat Freitag Karten für „Rheingold“ bekommen, von einem Bekannten, wie er verschämt bemerkt. Seine drei Minis, sechs, acht und elf Jahre alt, meldet er jedes Jahr ganz offiziell für Tickets auf dem Grünen Hügel an, damit sie eine Vorstellung besuchen können, wenn sie groß sind. Das ist die Prozedur: Jedes Jahr bestellt man Karten – bis es endlich so weit ist. Um den Schwarzmarkthandel einzudämmen, wird der Name des Käufers auf dem Ticket vermerkt. Manche kommen auch so hinein: Eine Dame hat kurz vor einer Vorstellung eine Karte ergattert, die Besitzerin ist krank geworden, manchmal fliehen Besucher in der Pause, wenn ihnen eine Inszenierung nicht gefällt. Die Karten für die Generalproben, heuer immerhin ca. 12.000, gehen an die Mitwirkenden der Aufführungen, bzw. werden von der Familie Wagner verteilt.

„Ich hab mir den Wagner einmal auf der Fahrt von Ingolstadt nach Bayreuth angehört“, erzählt ein alter Herr: „Ich habe überhaupt nichts verstanden.“ Er singt eine auf-und abschwellende Tonfolge vor: „Furchtbar. Meine Karten von der Gewerkschaft habe ich gleich verschenkt, unter Anführungszeichen.“ „Schöne Musik, aber was sind das dafür wirre Geschichten? Verstehe ich nicht“, meint eine junge Frau, die sich gerade einen Prosecco genehmigt. „Ich hab es dir doch erklärt, das ist eine Sage, da ist nichts logisch“, belehrt ihre Freundin sie, die einen Reclam-Opernführer dabei hat.

 

„Wie beim Oktoberfest“, sagt T.Dorst

Gegen Abend strömen wahre Massen auf den Platz und es gibt keinen Zweifel, dass sich hier 20.000 Leute drängen. Mindestens. „Wie beim Oktoberfest“, merkt der Schriftsteller Tankred Dorst an. Es ist seine „Ring“-Inszenierung, die hier gezeigt wird. Die Übertragung, na ja: Der Ton wird immer wieder unterbrochen, eine Leinwand scheint für den großen Platz fast zu wenig, Wagner, ein Hintergrundgeräusch. Solange es hell ist, kann man von weiter weg kaum etwas von den Bildern ausnehmen.

„Die Leute gehen an so einem Tag zur Oper statt zum Schwimmen“, meint Axel Brüggemann, der launig moderiert („Die ,Walküre‘ handelt von Geschwisterliebe und was wir sonst täglich in der „Bild“-Zeitung lesen“): „Dieses Volksfest ist eine gute Geste der Festspiele. Die Bayreuther bekommen ja sonst oft fast nichts mit von ihrem Festival.“ Das volkstümliche Programm wird jedenfalls weitergeführt. Für die Kinder soll es 2011 eine eigene „Ring“-Fassung geben, ferner wird „Lohengrin“ zu sehen sein, die heurige, umstrittene Premiere in der Regie von Hans Neuenfels. Für die Festspiele ist der DVD-Verkauf eine zusätzliche Einnahmequelle.

Ohne Wagner wäre Bayreuth wohl ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte geblieben. Er ist omnipräsent, auf Weinflaschen, Porzellan, sogar auf dem Bankomaten beim Festspielhaus. Auch dort sind „Zaungäste“ willkommen: Ab September gibt es wieder Führungen, bei denen man mit Glück im Orchestergraben das Pult erklimmen kann, auf dem die größten Dirigenten den Taktstock für Wagner geschwungen haben – und dies gewiss noch lange tun werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2010)

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2 Kommentare
Gast: geolino
24.08.2010 12:45
0 0

Sieben bis elf Jahre?

Wir haben 15 Jahre gewartet, um eine Karte zu bekommen. Dieses Jahr hat es geklappt , aber nur weil eine ursprünglich für den DGB reservierte Meistersinger-Vorstellung freigegeben wurde. So waren wir am 15. in den Meistersingern auf dem Grünen Hügel (begeistert, gehörten nicht zu den Buh-Rufern für Katharina) und am 21. in der Walküre auf dem Festplatz. Die Atmosphäre auf der Festwiese war phänomenal. Bild und Ton excellent (bis auf die Tonaussetzer im 1. Akt und die Sonne am Nachmittag)

Gast: AlterKämpfer
23.08.2010 19:21
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Schnapsidee

Die 4.Generation wird auch noch draufkommen, daß Wagner ins Festspielhaus (Hier gilt's der Kunst!) und Bratwürste an den Würstelstand (da geht's um die Wurst!) gehören.